Wenn ein frommes Volk auch anders kann...

Speedlimit


Donnerstag, 9. Mai 2013. Ehrlich gesagt: es wurde Zeit. Ich meine, das mit dem Tempolimit. Dass der Gabriel das jetzt einmal zur Sprache gebracht hat. Endlich! Jetzt ist der Fall wieder klar, und niemand muss mehr so tun als ob. Das ist wie so eine Art kollektiver Befreiung. Es war aber auch höchste Zeit. Sicher, für die SPD ist die Angelegenheit auf den ersten Blick nicht ganz so optimal. Rein wahlkampftechnisch gesehen. Aber, mein Gott! Bis zur Wahl sind es ja noch... - Ewigkeiten. Und ein Drittel der Wähler entscheidet sich erst an den letzten beiden Tagen. Ein weiteres Drittel während der letzten zwei Wochen. Und an das letzte, bereits festgelegte Drittel kommst Du sowieso nicht heran. Der Steinbrück weiß das. Also, was soll´s?! Eine Diskussion über ein Tempolimit sei nicht sinnvoll, hat er gesagt. Damit kann er immer zitiert werden. Eine völlig klare Aussage getätigt, ohne in ein Fettnäpfchen getreten zu sein. Ganz klar ein Punkt auf der Habenseite.


Doch wir wollen nichts schönreden. Der Gabriel – immer und überall für eine Höchstgeschwindigkeit von 120. Das musste ja wohl nicht sein. Aber, so kennt man ihn ja schon. Der Siggi bringt immer mal so Dinger. Andererseits: die Rheinische Post hatte ihn gefragt. Die Grünen sind für 120, wie sieht es bei Ihnen aus? Gut, dann hat er halt den Fehler gemacht. Hätte er gesagt: „Ist mit mir nicht zu machen!“, hätte es von der anderen Seite her Ärger gegeben. Hätte, hätte, Fahrradkette: „Die SPD hatte 130 beschlossen“, hätte er sagen können. „Einigen wir uns also, weil wir die Stärkeren sind, auf Tempo 127. Schmerzgrenze 126, mein letztes Angebot!“ Das wäre wahrscheinlich besser gewesen. Oder einfach: „Dieses Land hat weiß Gott drängendere Probleme als... - was war nochmal die Frage?“ Ein richtiger Politprofi hätte natürlich – im Stile des einstigen Autokanzlers – kurz und knapp geantwortet: „Ha, Tempolimit. Sie glauben doch nicht im Ernst, ha-ha, dass ich Ihnen jetzt, ha-ha-ha, jetzt bitte ich Sie aber...“


Ja sicher, das wäre es gewesen. Aber: man hat sie halt nicht immer parat, die richtige Antwort. Jetzt hat er den Schlamassel am Hals, der Sigmar Gabriel. Hätte er mal... - hätte, hätte, Fahrradkette. Aber dafür liegen die Karten jetzt auf dem Tisch. Jetzt weiß jeder, was Sache ist. Und der Wahlkampf. Wie gesagt, der Wahltermin steht erst in Monaten an. Bis dahin kräht kein Hahn mehr nach dem Tempolimit. Wenn überhaupt, dann nach dem Menschenrecht der freien Fahrt für freie Bürger. Sowieso kein Thema, mit dem die SPD punkten könnte. Was aber allein schon deswegen nicht ganz so tragisch ist, weil sie charttechnisch bei 23,0% massiv nach unten abgesichert ist. Führende Charttechniker sehen beim Ergebnis der letzten Bundestagswahl eine ganz massive Unterstützungslinie. Um den Widerstand bei 23,0% nach unten zu durchbrechen, müsste die SPD schon ganz andere Sachen als diesen Autobahnkram auftischen, sind sich die alten Hasen weitgehend einig.


Doch selbst wenn die Widerstandslinie, sorry: Unterstützungslinie bei 23% am 22. September kurz ins Wackeln geraten sollte, sei etwas darunter noch die psychologisch eminent wichtige Marke von 20%. „An die 20%-Marke“, so ein weltweit renommierter Charttechniker, „wird sich kein Wähler ohne Not herantrauen. Ich halte das für unvorstellbar. Und falls wider Erwarten doch, wären das ideale Einstiegskurse für die SPD.“ Diese Chartanalyse sei auch durch das fundamentale Umfeld solide abgesichert, da es ohnehin keine Rolle spiele, ob die SPD bei der Wahl auf 20 oder auf 30 Prozent der Wählerstimmen komme. „Mit den Grünen allein wird es in beiden Fällen nicht reichen. Also bleibt nur die Opposition oder Juniorpartner der Union“, meint der Profi. Für diese beiden Varianten sei jedoch das genaue Ergebnis ziemlich unerheblich. Irgendwo zwischen 20 und 30 Prozent werde die SPD schon aufschlagen; da könne sie ganz beruhigt ein Tempolimit einlegen.


Langfristig bedeutsamer ist eindeutig, dass diese kleine Höchstgeschwindigkeitsepisode gleichsam die Kraft eines reinigenden Gewitters in sich birgt. Schlagartig ist in Erinnerung gerufen worden, mit wem man es eigentlich genau zu tun hat, wenn von abstrakten Zahlen wie 24 oder 27 Prozent die Rede ist. Richtig: mit den Wählern. Oder, wie in Fachkreisen, wenn auch leicht irreführend, gesagt wird: mit dem „Publikum“. Der Begriff „Publikum“ an dieser Stelle ist insofern mittlerweile etwas problematisch geworden, weil der mündige Bürger heutzutage dazu neigt, seine reine Objektrolle zu verlassen, um als Subjekt – also gleichsam intersubjektiv – seine Wünsche, Ziele, Interessen usw. usf. zu artikulieren. Dies wiederum ist auf der einen Seite demokratisch gesehen hoch erfreulich, auf der anderen Seite allerdings nicht nur leicht, sondern sehr grob irreführend. Meine Fresse! Das war aber auch einfach nicht mehr auszuhalten. Seit fast zwei Monaten ging das jetzt so. Mindestens. Absolut unerträglich.


Spätestens seit vor fast zwei Monaten dieser neue Papst ganz höflich „Guten Abend“ gesagt hatte, zieht das geneigte Publikum diese scheinheilige Nummer ab. „Ich bin ganz beeindruckt von seiner Bescheidenheit“, labern irgendwelche konsumbepackten Landsleute in die Mikrofone der in den Fußgängerzonen lungernden Fernsehteams. O-Töne über O-Töne: immer wieder diese faszinierende „Bescheidenheit“, wahlweise aber auch das Schlichte, das Einfache oder was die Leute sonst noch so in den Fernseh- oder Zeitungskommentaren aufgeschnappt hatten. Die ganz Schlauen preisen die Demut. Letztes Wochenende beim Kirchentag der Konkurrenz dasselbe Spiel - Motto: „Soviel du brauchst“. Aber nicht so gemeint, wie man es gemeinhin verstehen würde, also: schnapp Dir, soviel Du brauchst. Sondern, weil dies dem lieben Gott nicht so gefallen würde, ganz im Gegenteil: „Nur, soviel Du brauchst!“ Und obendrein bekommen die Ärmsten dann auch noch, soviel sie brauchen.


Schöne Sache. Im anstehenden Bundestagswahlkampf setzen alle Parteien schon einmal, weil das fromme Volk es so will, die soziale Gerechtigkeit ganz oben auf die Tagesordnung. Ob mit oder ohne Gott: ein Volk in heller Aufregung ob der Schere zwischen Arm und Reich. Plus einen Schuss Umwelt. Und, ganz wichtig: die Nachhaltigkeit. Die künftigen Generationen, die armen Kinder – was wir denen so an Schulden hinterlassen! Und die armen Kleinen müssen das alles bezahlen. Zeit zur Umkehr: nur noch, „soviel Du brauchst“. Deshalb muss ab jetzt eisern gespart werden, im Grunde noch mehr als die Mutti mit ihrem Leitbild von der schwäbischen Hausfrau. Deshalb sollen jetzt auch mehr Steuern gezahlt werden – nur von den Reichen, versteht sich. Deshalb steigt die Opposition in den Umfragen, wenn sie Steuererhöhungen fordert. Deshalb muss jetzt sogar die FDP so tun, als gehe es ihr darum, eine „Lohnuntergrenze“ einzuführen („Mindestlohn“ wäre dann doch zu sozialistisch).


Glücklicherweise haben die allermeisten der guten deutschen Menschen zwar mit einem Mindestlohn nichts am Hut, haben dafür aber – richtig! - ein Auto. Müssen sie ja haben, geht ja gar nicht anders. Und Bescheidenheit, Sparsamkeit, Nachhaltigkeit und pipapo gelten selbstverständlich auch hier. Bei den am Boden liegenden Autopreisen sollte man besser 20% als 10% runterverhandeln, der Spritverbrauch sollte sparsam sein, an den Tankstellen eine Preisbremse greifen und schon wegen der Nachhaltigkeit könnte der Staat mal die Schlaglöcher wegmachen; immerhin zahlen wir ja Steuern. Die deutsche Frömmigkeit, diese beeindruckende Bescheidenheit konnte im Grunde monatelang unbeirrt zur Schau gestellt werden – bis gestern, bis zu dieser entsetzlichen Entgleisung des Sigmar Gabriel. Tempolimit! Auf einen Schlag ist Feierabend mit dem ganzen pietistischen, lustfeindlichen Gequatsche. Der Ernstfall duldet keinerlei frömmelndes Geschwätz. Auf in den Kampf!


Werner Jurga, 09.05.2013







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