Christlicher Fundamentalismus zu Pfingsten:

Wenn der Heilige Geist Terror macht


Eine Debatte bei den Ruhrbaronen, 7. Juni bis 1-3. Juni. Am 7. Juni hatte Gerd Herholz - Schriftsteller, Journalist und Autor bei den Ruhrbaronen - einen Beitrag gepostet mit dem Titel „Margot betet mit den Taliban und morgen fängt das (sic!) Frieden an!“ Darin kommentierte er eine Bemerkung der zurückgetretenen obersten Bischöfin der evangelischen Kirche, Margot Käßmann, auf dem Dresdner Kirchentag, ein Gebet mit den Taliban sei eine „wesentlich bessere Idee als die Bombardierung von Tanklastwagen“. Nun muss man nicht unbedingt das Massaker von Kunduz für eine besonders gute Idee halten, um zu erkennen, dass es sich bei dem von Käßmann phantasierten Gebet mit den Taliban um eine ausgesprochene Schnapsidee gehandelt hat.

Herholz´ Text leistet selbstverständlich mehr; seinen lesenswerten Beitrag finden Sie hier. Eine äußerst ausführliche Diskussion folgt; zur Stunde – in der Nacht vom 12. Auf den 13. Juni, also von Pfingstsonntag auf Pfingstmontag – sind bereits mehr als hundert Wortmeldungen eingegangen. Die Ausführlichkeit und auch die gewisse Schärfe der Debatte erklären sich vor allem daraus, dass sich ein christlicher Fundamentalist immer wieder in die Diskussion eingeschaltet hat. Er kommentiert anonym, unter dem Pseudonym „via“, in Anspielung auf die Internet-Seite „via dolorosa“, dessen Mitherausgeber er zu sein vorgibt.

Es handelt sich dabei um die Website radikaler Evangelikaler; „via“ wirft den Ruhrbaronen und nicht zuletzt auch mir vor, einem antireligiösen Affekt aufgesessen zu sein. Ich selbst hielt es für geboten, mich in die Debatte einzuschalten, weil sie immer wieder drohte, sich in irrelevanten Fragen wie etwa der nach der Existenz Gottes zu verlieren und damit die Bedrohung durch den evangelikalen Extremismus zu vernebeln. Unter anderem stammen von mir die Kommentare Nr. 52, Nr. 66, Nr. 72 und Nr. 104. Es folgen Auszüge aus meinem letzten Kommentar:

Was "via" in seiner Antwort auf Helmut Junge # 102 so von sich gibt, ist doch nichts Anderes als notdürftig verklausuliertes Terroristen-Sympathisantentum. "Meine Religion verbietet mir, andere Menschen zu töten"; da kann man nichts machen. "Von daher verurteile, ich Persönlich, natürlich JEDEN Mord" - aber erstens auch nur "von daher", und zweitens "nicht aber und ganz speziell nur diese".
"via" unterstellt damit, dass unsereins im Grunde "ganz speziell nur diese" Morde verurteile, die im übrigen auch nicht besonders "interessant" seien. "Viel Interessanter ist doch die Frage nach" einem Arzt, der Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt haben soll, die "via" zweifellos ebenfalls als Mord erachtet - deswegen dieses "JEDEN Mord" in Großbuchstaben. Der von "via" eingeführte George Tiller war folglich ein "Mörder", dessen Taten "viel interessanter" waren als bspw. seine eigene Ermordung, die - uninteressant genug - ein christlicher Fundamentalist unter Verweis auf Tillers berufliche Tätigkeit verübt hatte. Siehe Wikipedia. Und dann kommt dieser Sympathisant politisch-kulturellen Mordens noch daher und fragt Helmut in seiner hochheiligen Scheinheiligkeit: "Suchen sie die Schuld für die Morde etwa bei Christen?"
Es ist geklärt, wer Tiller ermordet hat und warum. Es ist bekannt, wer die anderen Anschläge auf Kliniken und Ärzte verübt hat. Halten wir fest: "via" täuscht und heuchelt. Er spannt den lieben Herrn Jesus, "der nur Gutes und nie etwas Böses getan hatte", vor den Karren der von ihm verherrlichten Verbrecherbanden! 

"via" hat in Kommentar # 102 nun wirklich für ein hinreichendes Maß an Deutlichkeit gesorgt. Eine butterweiche Distanzierung vom heimtückischen Mord, dessen ideologische Rechtfertigung sogleich - wenn auch ein wenig verbrämt - hinterher geschoben: "via" hat sich als Sympathisant des Terrors bekannt. Religiös begründeten Terrors, also politisch rechtsextremen Terrors. Sein Ziel ist - in seiner Terminologie - der "Gottesstaat", also eine klerikal-faschistische Priesterherrschaft. 
Dies mag nach gegenwärtigen Maßstäben reine Spinnerei sein. Man blicke in die USA, man bedenke, welch ungemeinen Aufschwung die Frömmelei hierzulande trotz Stagnation und Regression der Amtskirchen genommen hat - vielleicht wird man dann ein wenig aufmerksamer.

Werner Jurga, 13.06.2011