"Spitzenstellung“

Rein deutsches Finale


Montag, 6. Mai 2013. Die Woche fängt gut an, wobei: „gut“ ist gar kein Ausdruck. Sie fängt spitze an! In meiner Zeitung... - okay, sie gehört nicht mir. Wem sie wirklich gehört, schauen Sie bitte selbst im Internet nach! Die Eigentumsverhältnisse haben sich da neulich ein wenig verschoben; da möchte ich jetzt nichts Falsches sagen. Außerdem kann uns das auch alles egal sein; denn erstens empfinde und empfand ich die WAZ schon immer als „meine“ Zeitung. Und zweitens hat sich ja auch redaktionell nichts geändert. Fast nichts, jedenfalls ist der Chefredakteur nach wie vor derselbe. Ulrich Reitz, und der – jetzt habe ich den Faden wieder gefunden – hat den Leitartikel der heutigen WAZ geschrieben. Wie ich schon sagte: die Woche fängt gut an. Der Chefredakteur hat so eine gute Laune, die es schwer macht, sich ihrer ansteckenden Wirkung zu entziehen. Sein Kommentar endet mit dem schönen Satz: „Das sind jetzt mal ein paar gute Nachrichten, über die man sich als ansonsten deutscher Sündenbock auch mal freuen kann.“ Thank you, Reitz, you made my day!


Es ist aber auch einfach zu schön, dass man sich „jetzt mal“ freuen kann. Sonst ist man ja ständig nur der „Sündenbock“, der „deutsche Sündenbock“, um genau zu sein. Und warum? Nur, weil wir den Krieg verloren haben. Dumme Sache, aber auch kein Wunder; denn irgendwie waren ja alle gegen uns. Das ganze Ausland! Jetzt aber – ebenfalls kein Wunder – kommen „gute Nachrichten aus Europa“. So hat es der Chefredakteur dann auch über seinen Leitartikel geschrieben, um darin anzumerken: „Wir sollten uns nicht wundern, wenn Europäer Deutschlands fußballerische Spitzenstellung mit den Gründen für seine wirtschaftliche und auch politischen Macht in Verbindung bringen.“ Ulrich Reitz reflektiert über die Spitzenstellung. Zunächst einmal über die „fußballerische“, doch im Grunde geht es ihm – wie bei jeder Spitzenstellung – um „Macht“. Um wirtschaftliche, und darum auch um politische Macht. „Wir sollten uns nicht wundern“. Schon gar nicht über das Ausland.


Bei der Gelegenheit könnten wir uns dann auch abgewöhnen, uns über die WAZ zu wundern. Das Beste ist, wir gewöhnen uns daran, dass der Leitartikler aus dem Leitartikel einer ausländischen Zeitung zitiert, und zwar des britischen Independent, und zwar diesen Satz: „Wenn das das Vierte Reich sein soll, dann lasst mich bitte da rein.“ Und tatsächlich, die Überschrift dieses freudebringenden Artikels lautet: „If this is the Fourth Reich, count me in“. Um Himmels Willen: wenn die jetzt auch noch alle kommen, die Engländer! Keine Sorge, darum geht es nicht. Die Briten möchten einfach nur ein bisschen mehr so wie wir sein. Der Independent-Leitartikel möchte es, und der New Statesman möchte es auch. „Wir sollten uns nicht wundern“ - alles kein Wunder! Germany ist einfach so was von spitze! Im Independent heißt es: „No wonder this week’s New Statesman cover asks: `Why can’t we be more like Germany?´“ Die britische Presse empfiehlt „ihren Landsleuten allen Ernstes: Mehr Deutschland“, stellt Reitz zutreffend fest. Und was sagt er dazu? Irgendein Kommentar? Mmmh, nicht direkt...



Screenshot: independent.co.uk


Der Kenner schweigt und genießt. Das heißt: nicht ganz. Am Schluss resümiert, wie bereits zitiert, der WAZ-Chefredakteur nach vollbrachter Spitzenstellung befriedigt: „Das sind jetzt mal ein paar gute Nachrichten“. Zwischendurch lässt Reitz uns an seinem erotischen Erlebnis der Absolution vom Dasein als „deutscher Sündenbock“ via rhetorischer Frage teilhaben: „Aber ist es denn nicht tatsächlich so, dass die Ex-Rumpelfüßler aus Teutonien sich mutig selbst neu erfunden haben, sich dabei das Beste aus deutschen und (süd)europäischen Tugenden zusammenklaubten, Kraft mit Disziplin und Spielfreude plus Mut paarten und der Jugend dabei voll vertrauten und finanziell auch noch bodenständig blieben?“ Wie geil ist das denn?! Wenn das das Vierte Reich sein soll - Kraft mit Disziplin, eine Paarung aus Spielfreude plus Mut und volles Vertrauen in die Jugend! Wenn das das Vierte Reich sein soll, dann – na sicher, Ihr alten geilen Böcke! - lasst mich bitte da rein! Die Eiserne Lady hat ihre Ängste vor dem rein deutschen Finale überwunden, und Ulrich Reitz ist ganz entzückt.


Nur Wilfried Schmickler – aber das kennt man ja schon von dem – versucht wieder einmal, einem die Spitzenlaune zu verderben. Bei mir wäre es ihm um ein Haar gelungen. Heute in der Herrgottsfrühe, so gegen 10 Uhr 45: ich erfreue mich gerade beim ersten Kaffee an der Lektüre von Reitz´ Leitartikel, im Hintergrund läuft WDR 2. Das Musikstück läuft aus, doch statt des Moderators ist plötzlich dieser Schmickler auf Sendung. „Kabarett“ zum rein deutschen Finale. Ach herrje, wie witzig! Schmickler stellt die Montagsfrage, die da lautet: „Was machen vier Brasilianer, drei Polen, ein Serbe, ein Spanier, ein Holländer, ein Franzose, ein Kroate und ein Österreicher am 25. Mai im Londoner Wembley-Stadion?“ Na und?! Das sind doch, wenn Sie mal nachzählen, erst elf. Zwei Mannschaften sind zweimal elf, also zweiundzwanzig. Bleiben immerhin noch elf rein Deutsche. Und überhaupt: dieses Gestänker ist doch wohl nahe an der Grenze zur Ausländerfeindlichkeit. „„Da sind Jungs dabei, die haben Namen, die können 98% der Deutschen nicht einmal buchstabieren“, ätzt Schmickler.


Und wenn schon! Błaszczykowski muss man ja auch nicht buchstabieren können. s-z-c-z-y – direkt hintereinander, das wäre auch ein bisschen viel verlangt! Der Typ heißt Kuba, das ist rein deutsch, und fertig ist die Lauge! Kuba stand auch auf seinem Trikot; ab dieser Saison wird jedoch wieder sein vollständiger Name Błaszczykowski abgedruckt. „Auf eigenen Wunsch hin“, steht bei Wikipedia. Na bitte, wenn er meint... - kann er machen. Wir sind ja auch sonst ziemlich liberal. Das alles ändert aber doch nichts daran, dass das Finale rein deutsch ist. Das kann uns niemand nehmen. Und wenn das Ausland diese unsere Spitzenstellung mit unserer wirtschaftlichen und politischen Macht in Verbindung bringt. Nichts dagegen – bitte sehr! Hauptsache, wir sind aus der „Deutscher-Sündenbock-Nummer“ raus. Davon lassen wir uns doch nicht von einem Polen abbringen! Auch nicht von dreien. Wir sind nicht mehr der Sündenbock, verstanden! Und dabei bleibt es, basta! Die Woche fängt gut an. „Gut“ ist gar kein Ausdruck; sie fängt spitze an! Rein deutsch. Hoffentlich bleibt sie auch so schön. Die sollen mir bloß nicht mit diesem blöden Prozess auf den Wecker gehen!


Werner Jurga, 06.05.2013


                 
Rein deutsches Finale




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