Nervensägen 


„Soviel du brauchst“


Samstag, 4. Mai 2013. Evangelischer Kirchentag. Die Kanzlerin spricht. Es könne nicht sein, sagt sie, dass es uns Deutschen gutgehe, während es all unseren Nachbarn drumherum schlecht gehe. Gelobt sei Jesus Christus! Angela Merkel ist Pastorentochter, und so weiß sie, was man halt so sagen muss im Kreis der Frommen und Frömmsten. Und die wiederum wissen, was es bedeutet, wenn da jemand erscheint und verkündet, dass irgendetwas nicht sein könne. Sie wissen, dass wenn man ein wenig drüber nachdenkt und fest im Glauben ist, dass es zwar so ist, aber – so Gott will – genau genommen so eigentlich nicht sein soll. Und wer dies nicht sowieso schon wusste, der konnte es ja in den letzten Monaten, wenn nicht Jahren, Tag für Tag in der Zeitung lesen. Uns Deutschen geht es gut, den Nachbarn leider nicht, was einerseits ganz hübsch ist – der Pastorentochter sei Dank! Andererseits aber das gläubige Christenherz nicht so hundertprozentig beglücken kann, allein schon wegen der Nächstenliebe und so, so dass es irgendwie schon ein gutes Gefühl ist zu hören, dass sich Glaubensschwester Angela die Welt im Grunde genommen ebenfalls noch eine Idee schöner vorstellt.  


Überhaupt: dieses Gemeinschaftsgefühl – eine schöne Sache ist das. Gemeinschaft – das heißt natürlich auch, dass nicht nur die Eine etwas sagen darf, sondern auch der Andere. In diesem Fall der evangelische Mitbruder, den sie „Kanzlerkandidat“ zeihen und der für die Zocker nicht annähernd so viel Verständnis aufzubringen bereit ist wie einst unser Herr Jesus für die Zöllner. Was sich – theologisch betrachtet – vielleicht auch dadurch erklären ließe, dass der Gottessohn seinerzeit zwar Wunder vollbringen konnte, dennoch aber nicht dafür verantwortlich zu machen war, dass die römischen Imperialisten in Sachen Steuerehrlichkeit keine Selbstanzeige und auch sonst kein Pardon kannten. Wohingegen der heutige Kandidat bekanntlich selbst den Bau der Zockerbuden in Auftrag gegeben hatte und schon insoweit verständlicherweise auch menschlich tief enttäuscht ist, dass die armen Sünder sich nicht einmal mit guten Worten davon abbringen lassen wollen, ihrem ebenso armseligen wie reichmachenden Treiben nachzugehen. Herr, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!  


Ein Gläubiger – hier also jemand, der an Gott glaubt; nicht einer von diesen, die da Geld verleihen – spricht in die Fernsehkamera und bekundet seine Zweifel, ob es den Politikern wirklich allein um den Glauben gehe, oder nicht vielleicht doch auch um den Wahlkampf. Und er ringt sich dazu durch zu verkünden, woran er – außer an Gott – auch noch glaube. Er glaube, sagt er, an beides: die Politiker folgten sowohl ihrem Glauben als auch ihrem dem Wahlkampf entsprungenen Missionsauftrag. Das wäre freilich nicht ganz so schön. Konzentrieren wir uns also voll auf den Glauben! Vorhang auf für die Kirchenleute! Pastor Joachim Gauck, im Hauptberuf mittlerweile tätig als erster Mann im Staate, verurteilt diejenigen, die da Steuern hinterziehen, als „Asoziale“. Der Kirchentag ist evangelisch, dumme Sache: Beichten, zur Strafe fünf Vaterunser und drei Gegrüßetseistdumaria, und die Sache ist verziehen – das gibt’s hier nicht. Das bietet nur die Konkurrenz. Verflixt, man darf gar nicht drüber nachdenken. Also schnell weiter zur Bibelarbeit – oder noch besser: zu Gottesdienern, die nun aber – anders als dieser Gauck – mit der Politik wirklich nichts am Hut haben. Am besten gleich zum Chef der ganzen Veranstaltung.  


Das Wort hat Nikolaus Schneider, zur Zeit erster Mann in der Evangelischen Kirche. Die Schere zwischen Arm und Reich, sagt der Ratsvorsitzende, habe sich besorgniserregend geöffnet. Und man sieht ihm die Sorgen an. Doch er weiß Rat: wenn die starken Schultern mehr trügen als die Schwächeren, dann... - Nikolaus Schneider spricht sehr langsam. Er könnte auch schnell sprechen. Und laut. Macht er aber nicht. Er spricht langsam und leise. Da kann man genauso nachdenklich sein wie er und das auch wirklich verstehen. Ja, wenn die starken Schultern mehr trügen als die Schwächeren – eigentlich eine ziemlich gute Idee! Könnte man doch eigentlich mal machen. Eine Gedankenanregung, mit der man richtig etwas anfangen kann. Die man mit nach Hause nehmen kann. Doch als ob es damit nicht längst genug wäre, ergreift jetzt auch Margot Käßmann, Schneiders Amtsvorgängerin, das Wort. Sie ist der unangefochtene Topstar der ganzen Veranstaltung, und sie fordert – in sich durchaus folgerichtig - „mehr Nervensägen“ für Deutschland. Na dann Prost! Noch mehr Nervensägen. Herr, erbarme Dich! Nichts ist gut in Afghanistan, natürlich nicht. Aber so schlimm kann es da ja auch wieder nicht sein! Und wenn man schon aus Afghanistan mit einer posttraumatischen Belastungsstörung heimkehrt...


Hamburg. Evangelischer Kirchentag. Nervensägen, soviel du brauchst. Okay, die Margot Käßmann ist der Superstar. Aber die Claudia Roth ist natürlich auch da. Und – ich weiß gar nicht, ob vor oder nach New York – der Markus Lanz. Katrin Göring-Eckardt darf natürlich auch nicht fehlen. Und Samuel Koch – das ist der, der bei „Wetten, dass“ über das Auto hüpfen wollte, mit dem der Papa ihm entgegenkam – einfach toll, wie der Junge mit seiner Behinderung umgeht! Ganz großer Respekt! Soviel Du brauchst. Zum Abendsegen geht es dahinten rechts. Die Halle ist überfüllt. Oder wir treffen uns bei der Sternfahrt zum Fahrrad-Gottesdienst. Dahinten diskutieren sie „zwischen humanitärer Hilfe und Stabilisierung – z.B. Mali“. Und da vorne steht der Kerner. Einfach großartig – dieses Gemeinschaftsgefühl! „Reichtum an sich ist nicht unmoralisch", sagt Nikolaus Schneider. Das kann man auch noch mit nach Hause nehmen. Und dann sagt er auch noch, der Schneider: der „Uli Hoeneß ist ein Christ wie du und ich." Da ist etwas dran. Der ist nämlich auch nicht beim Kirchentag in Hamburg, der Hoeneß. Genauso wenig wie Du und ich. Jedem soviel Du brauchst. Reichtum an sich ist nicht unmoralisch, nicht einmal Reichtum an Nervensägen. Gelobt sei Jesus Christus. Die Kanzlerin spricht nicht mehr.



Werner Jurga, 04.05.2013




Seitenanfang