Unser Freitagskrimi: die GEBAG, die Küppersmühle und die moderne Kunst

Freitag, 10. Juni 2011. Ach Mensch! Wie schade! Es hätte alles so schön werden können im Duisburger Innenhafen. Gut, es ist dort – vernünftiges Wetter vorausgesetzt – schon heute recht schön. Aber eben noch schöner. Vor allen Dingen auch schöngeistiger. Ich sage nur: die Küppersmühle. Es ist aber auch ein Jammer: so ein schönes Bauwerk mit dazu noch so einem hochkulturellen Interieur. Das schon heute weltbekannte Duisburg könnte noch weltbekannter werden. Und jetzt das! Aber eins nach dem anderen: drehen wir die Zeit zweieinhalb Jahre zurück und schwelgen in Erinnerungen. Duisburg auf dem Weg vom Schmuddel-Image einer grauen Maus zum international be- und geachteten Zentrum der Hochkultur.
Duisburg, 26. November 2008. Auszüge aus einer
Pressemitteilung der Stadt Duisburg:

„Die Baseler Architekten Herzog & de Meuron werden den Erweiterungsbau des MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst realisieren. 22 neue Räume mit rund 2.000m² Ausstellungsfläche sollen entstehen, der Baubeginn ist für Frühjahr 2009 geplant, die Fertigstellung soll im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr2010 erfolgen. Finanziell ermöglicht wird das Vorhaben durch den Zusammenschluss privater und öffentlicher Zuwendungsgeber: das Land Nordrhein-Westfalen, das Unternehmen Evonik Industries, die Sammler Sylvia und Ulrich Ströher sowie die Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn. Bauherr ist die Duisburger Gemeinnützige Baugesellschaft AG GEBAG.
Auf der am 20. November in Duisburg stattfindenden Pressekonferenz stellten alle Beteiligten das Projekt vor und sprachen über Einzelheiten ihrer Kooperation. Ministerpräsident Dr. Jürgen Rüttgers betonte: `Mit diesem Erweiterungsbau entwickelt sich der Duisburger Innenhafen zu einem der interessantesten Orte bildmächtiger Architekturen in unserem Land. Eine der umfangreichsten Sammlungen deutscher Kunst mit dem Schwerpunkt Malerei von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart wird hier zu sehen sein. Auf dem Weg zur Kulturhauptstadt Europas 2010 ist das ein wichtiger Schritt. Der Duisburger Innenhafen hat die Chance, zu einem Symbol des nachhaltigen Wandels zu werden.´
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Durch den Erweiterungsbau wird es möglich sein, die umfangreiche Sammlung deutscher Nachkriegskunst des MKM - die Sammlung Ströher, die derzeit nur in Auszügen im MKM gezeigt werden kann, - künftig angemessen und mit mehr Spielraum im größeren Zusammenhang zu präsentieren. Mehr als die doppelte Anzahl an Werken (bislang: rund 100-120 Werke in 15 Räumen) kann künftig gezeigt werden. Der Besucher erlebt einen Gang durch 60 Jahre Kunstgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Ziel ist es, mit dem Erweiterungsbau in Duisburg ein Zentrum für deutsche Kunst nach 1945 zu etablieren. `Mit dem Erweiterungsbau des Museums Küppersmühle und dem großartigen Engagement des Sammlerehepaars Ströher“, freut sich Kulturdezernent Karl Janssen, `entwickelt sich unsere Stadt zum bedeutendsten Ort zeitgenössischer deutscher Malerei. Ich persönlich freue mich sehr, dass das Projekt, für das ich auf Seiten der Stadt der Motor sein durfte, nun in die Realisierungsphase geht. Das Engagement von Evonik ist ein Glücksfall für Duisburg.´

Heilige Dreifaltigkeit: Top-Mann, Alpha-Tier und Projekt-Motor . Leider hatten sich, wie das so ist, schon zu Beginn der Realisierungsphase beckmesserische Stimmen zu Wort gemeldet, die die Einzigartigkeit der projektierten bildmächtigen Architektur in Zweifel zu ziehen wagten und sich stattdessen an das Boston Institute of Contemporary Art erinnert fühlten, das auf der anderen Seite des großen Teichs leider auch unter dem Namen „Bostons Botched Box“ bekannt geworden ist.
Duisburg, 15. Februar 2009. Auszüge aus einer
Schmähschrift:

Ich weiß nur eins: wäre ich ein echter Bostoner, dann würde ich - Ahnung von Architektur hin, Ahnung von zeitgenössischer Kunst her – auf jeden Fall mal so tun, als ob. Und ich wäre stolz, sehr stolz … auf die verpfuschte Box. Das heißt: wenn jemand „botched box“ sagen würde, würde ich sofort ausflippen und sagen:
`Listen man! This building is fantastic. And it is absolutely unique!´
Höflich ausgedrückt; denn es dürfte sich bei diesem absolut kunstbanausigen Motherfucker um einen Strolch aus Übersee handeln. Denn allein schon wegen dieses einzigartigen Bauwerks kämen ja die Leute von überall her. Könnte ich mir vorstellen. Ich wäre, wie gesagt, jedenfalls sehr stolz. Als Bostoner.
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Und sehen Sie hier, wie super das dann aussehen würde, das Institute of Contemporary Art in Duisburg. In the mill of Küppers, fantastic and unique. Was die wohl Augen machen würden?! Diese Ignoranten aus Boston mit ihrer botched box! Kunst und Architektur bei diesen kulturlosen Amis. Ich lache mich frack. Botched box – ja genau! What about a shoe box, man?“

Die Jahre ziehen ins Land, die Stadt Duisburg wird immer pleiterer, auch die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft GEBAG, die als Bauherrin auftritt (s.o.) gerät in eine Schieflage, die als Bauträger beauftragte Firma ISS ist längst in Konkurs, als Anfang April 2011 ein krimineller Pfusch am Bau zutage tritt. Die Ruhrbarone am 8. April 2011:

„Inzwischen schrappt die GEBAG ständig so haarscharf an der Pleite vorbei, lebt aber noch – genau wie das Schuhkarton-Projekt.
Pleite dagegen ist die ISS, das ist die Abkürzung der Firma Industrie- und Stahlbau Stadtlohn, und das ist die Firma, die dafür zuständig war, den musealen Riesenquader auf die gute alte Küppersmühle zu stemmen. Doch Anfang dieses Jahres ging es nicht mehr weiter für die ISS: Insolvenz. Dabei hatte das Management bis zuletzt mit allen Mitteln dafür gekämpft, den Konkurs zu vermeiden. Auf Teufel komm raus wurde gespart, insbesondere an den Schweißarbeiten für das Stahlgerüst, auf das der Schuhkarton gesetzt werden sollte. Ein Schweißer hatte ausgepackt, und so kam der ganze Pfusch am Bau ans Tageslicht.
In Duisburg hätte das Bostoner Wort von der `botched Box´ eine ganz neue, jedoch sehr tragische Bedeutung bekommen können. Die verpfuschte Kiste hätte viele Menschen in den Tod reißen können. So sagt es der Schweißer, dessen Gewissen keine Ruhe gegeben hatte, und dessen Vorwürfe von der GEBAG und der SLV, der Duisburger Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalt, allesamt bestätigt werden. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft. Das Drama ein Jahr nach der Loveparade ist verhindert worden. Die größenwahnsinnige Grundmelodie mit dem Titel „Duisburg auf dem Weg zur Weltmetropole übernimmt sich in Sicherheitsfragen“ bleibt der Stadt erhalten.“
Duisburg, 10. Juni 2011.
DerWesten meldet: 

„Der umstrittene Umbau des Museums Küppersmühle in Duisburg ist vorerst gestoppt … Grund dafür sind die explodierenden Kosten bei dem Bauprojekt. Jetzt sind sogar bis zu 70 Millionen Euro im Gespräch und mit den Sponsoren muss nachverhandelt werden … Das beschloss der Aufsichtsrat der Gebag bei seiner Sitzung am Donnerstagabend ... Kalkulierte das Unternehmen anfangs noch mit rund 24 Millionen Euro für die Erweiterung, sind die Kosten mit der Zeit immer weiter gestiegen. Mittlerweile ist sogar eine Größenordnung von 70 Millionen Euro im Gespräch. Weil es von den Geldgebern noch keine verbindlichen Finanzierungs-Zusagen gibt, entschied sich die Gebag nach der Aufsichtsratssitzung, die Reißleine zu ziehen ... Auch Juristen sind jetzt am Werk und prüfen die Verträge und Ausstiegsklauseln der Sponsoren. Anfang der Woche hatte die Gebag einen Baustopp noch dementiert, gleichwohl auf der Baustelle nicht mehr gearbeitet wurde.“

Welch eine Geschichte! Eine Duisburger Geschichte. Es gibt wahrlich genügend andere Geschichten aus Duisburg. Aber diese hier hat es auch wirklich in sich. Und sie wird weitergehen. Dieser Text war nicht mehr als ein kurzes Zwischenfazit, eine kleine Bestandsaufnahme sozusagen. Demnächst mehr aus diesem Theater. Ganz bestimmt! Im Rahmen der Serie „unser Freitagskrimi“.

Werner Jurga, 10.06.2011