Aus und vorbei (Teil 2): 

Uli Hoeneß will nicht schweigen


Mittwoch, 1. Mai 2013. Seitdem vor gut einer Woche bekanntgeworden ist, dass Uli Hoeneß eine Selbstanzeige bei der Finanzverwaltung eingereicht hatte, hat Hoeneß sämtliche Bitten um eine Stellungnahme abschlägig beschieden – mit dem Hinweis darauf, dass er sich in einem schwebenden Verfahren befinde und deshalb nichts sagen dürfe. „Ich darf nichts sagen“ - bei aller Kritik, die seither auf Hoeneß eingeprasselt ist: dafür hatte nun wirklich jeder Verständnis. Erst recht, seitdem einige Tage darauf bekanntgeworden ist, dass gegen ihn ein Haftbefehl vorliegt, der nur gegen Kaution ausgesetzt ist. Uli Hoeneß steht mit einem Bein im Knast. Unter diesen Umständen zu schweigen, ist der beste Ratschlag (gewesen), den man ihm geben konnte.

Heute ist bekanntgeworden, dass Uli Hoeneß es sich mittlerweile anders überlegt hat. In der morgen erscheinenden Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ erscheint ein Interview mit ihm zu dieser Sache. Zeit Online hat dies heute bekanntgegeben und einige Aussagen daraus vorab veröffentlicht. Der Online-Artikel beginnt mit der Hausdurchsuchung der Steuerfahndung in Hoeneß´ Villa am Tegernsee, die darauf schließen lässt, dass die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass Hoeneß´ Selbstanzeige die von ihr erhoffte strafbefreiende Wirkung nicht entfalten kann. Inzwischen ist durchgesickert, dass diese Selbstanzeige tatsächlich schluderig angefertigt wurde, Hoeneß sich also aller Wahrscheinlichkeit nach einem Strafprozess unterziehen muss.


Bild: Zeit Online


Wenn Uli Hoeneß dennoch „ausführlich über seine Steueraffäre und seine Spielsucht erstmals spricht“, stellt sich freilich die Frage nach dem Warum. Aus den auf Zeit Online vorab veröffentlichten Interview-Ausschnitten ergibt sich – jedenfalls für mich – keine plausible Antwort. Eher im Gegenteil. So beantwortet Hoeneß die Frage nach seiner Spielsucht auf eine Art und Weise, die ihm m.E. vor dem Strafgericht eher schaden als nützen könnte. "Ich halte mich nicht für krank, wenn Sie das meinen. Zumindest heute nicht mehr. Sollte ich vor Gericht müssen, erscheine ich dort nicht als kranker Mann. Ein paar Jahre lang war ich wohl nah dran. Aber inzwischen halte ich mich für kuriert." Warum weist Hoeneß selbst mildernde Umstände für sich zurück?

Wie jede seriöse Zeitung lässt sich auch „Die Zeit“ jedes Interview von ihrem Gesprächspartner autorisieren. Der Text liegt ihm in schriftlicher Form vor, er kann ihn mit seinem Anwalt oder jedem anderen Berater besprechen und Änderungswünsche geltend machen. Oder eben das Interview nicht genehmigen. Hoeneß jedoch hat autorisiert, dass er „nicht als kranker Mann“ vor Gericht erscheine, weil er „inzwischen kuriert“ sei. Nach eigener Darstellung war Hoeneß „krank“, ist aber „inzwischen kuriert“. Und er konkretisiert dies zeitlich: "In den Jahren 2002 bis 2006 habe ich richtig gezockt, ich habe teilweise Tag und Nacht gehandelt... Das war der Kick, das pure Adrenalin." Dumm nur: 2006 liegt sieben Jahre zurück. Sieben Jahre, in denen das Geld in der Schweiz „gearbeitet“ hatte.


Sieben Jahre, die Uli Hoeneß, wenn man ihm glauben darf, dazu genutzt hatte, seine Spielsuchterkrankung auszukurieren. Gewiss, in einem Strafprozess entscheidet nicht die Eigenwahrnehmung des Angeklagten über dessen Schuldfähigkeit. Dennoch: so ganz und gar unerheblich dürfte sie wohl auch nicht sein. Wie auch immer: es ist schwer erkennbar, in welche Verteidigungsstrategie sich Hoeneß´ Selbstdiagnose einbettet. Entweder hat Hoeneß das Zeit-Interview überhaupt nicht von einem Strafrechtler seines Vertrauens gegenlesen lassen, oder er hat einen Anwalt an der Hand, der so abgebrüht ist, der eine so ausgefallene Verteidigungsstrategie verfolgt, dass unsereins sie zur Stunde noch gar nicht so richtig kapieren kann.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Uli Hoeneß das Interview keineswegs allein in Hinblick auf das zu erwartende Strafverfahren gegeben hat, sondern dass eine Reihe anderer Motive ihn dazu drängte. Es versteht sich, dass dies in seiner jetzigen, äußerst komplizierten Situation ein großer Fehler wäre. Zum Prozess selbst ist von ihm zu vernehmen: „Ich habe Riesenmist gebaut, aber ich bin kein schlechter Mensch." Das hört sich nach einem Schlusswort des Angeklagten an; allein: es wäre kein besonders gelungenes. Abgesehen davon, dass es nicht strafbar ist, ein „schlechter Mensch“ zu sein, dass man sich gar auf den Standpunkt stellen könnte, dass Strafe bei einem „guten“ Menschen erfolgversprechendere Folgen bewirken könnte als bei einem „schlechten Menschen“...


abgesehen davon überlassen Richter nicht gern dem Angeklagten das Urteil darüber, ob er nun ein „guter“ oder ein „schlechter“ Mensch ist. Nein, auch Hoeneß´ einzige, direkt auf den anstehenden Prozess bezogene Aussage ist – abgesehen von ihrem Geständnisgehalt („Riesenmist gebaut“) - nicht so richtig geglückt. Seine Beschwerde über das Vorgehen von Staatsanwaltschaft und/oder Steuerfahndung („Es gab bislang Tausende von Selbstanzeigen, ich hatte noch von keiner gehört, die öffentlich wurde") mag in der Sache berechtigt sein. Ob es aber clever ist, dass er selbst sie in der Zeitung vorträgt? Uli Hoeneß Problem liegt aber anders: „Es ist eine Situation, die kaum auszuhalten ist. Ich schlafe sehr schlecht, ich schwitze sehr viel in der Nacht,...“

Einige Kommentatoren im Internet merken schon einmal an, dass sie keinerlei Mitleid haben und Hoeneß´ Selbstmitleid für unangemessen halten. Spannender ist die Frage, warum Hoeneß nicht schlafen kann, warum er – offenbar die Reaktion darauf – einfach nicht länger schweigen kann. Die Antwort darauf hat die „Zeit“ zielsicher in ihrer Printausgabe in die Überschrift, im Internet in die „Thumb“-Werbung gepackt: „Ich gehöre nicht mehr dazu“, klagt Hoeneß. Das ist spürbar das, was ihn am meisten schmerzt. Sicher, er erwähnt auch die Probleme, die er seiner Familie bereitet. Doch dieses „Ich gehöre nicht mehr dazu“, das macht ihn fertig. Auch deshalb schließt Hoeneß kategorisch jegliche Verbindungen dieses Kontos zum FC Bayern München aus.“


"Dieses Konto war ganz allein Uli Hoeneß", spricht er in der dritten Person über sich selbst. Es wird ihm nichts nützen. Es ist aus und vorbei. Ob die Herren in den Richterroben mit ihm milde umgehen werden oder nicht, interessiert Hoeneß weit weniger als die Frage, wie der FC Bayern über ihn urteilen wird. Eigentlich kann man diese beiden Dinge nicht so ganz voneinander trennen, hier aber schon. In diesem Fall haben wir es nämlich mit dem Aufsichtsrat des FC Bayern München zu tun. Mit den Konzernherren von Volkswagen, inklusive Audi, von Allianz und Adidas. Diese Herren kennen keine Gnade. Am nächsten Montag sind sie am Zug. Dann gehört Uli Hoeneß definitiv nicht mehr dazu. Für ihn ist es dann auch ganz offiziell aus und vorbei.


Werner Jurga, 01.05.2013




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