Lucy Kellaway über

die Langweiler und die Interessanten


Montag, 11. Juni 2012. Das ist Lucy Kellaway. Lucy ist Kolumnistin bei der Financial Times und der Financial Times Deutschland, und ich muss sagen, immer wenn ich einen ihrer Texte gelesen habe, habe ich es mit großer Freude getan. Dennoch: allzu oft jedoch lese ich ihre Kolumnen erst gar nicht. Das liegt schlicht und einfach daran, dass ihr Themengebiet nicht meins ist. Kurz: Mrs. Kellaway schreibt schön, allerdings über Fragen, die mich nicht so sehr interessieren.

Ihre Themen sind nämlich Büro, Karriere, Management, usw. usf. – kurz: Arbeit. Tja, Arbeit – das muss thematisch nicht unbedingt uninteressant sein; ich selbst habe in meinen Kolumnen schon wiederholt darauf hingewiesen, dass Arbeit – schon rein prinzipiell betrachtet – der Persönlichkeitsentwicklung dient, oder sagen wir mal: dienen kann. Deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf, abermals zu erläutern, warum und wieso Lucy´s Welt nicht meine Welt ist.

Lucy schreibt über die Arbeitswelt. Ihre Artikel tragen schöne Titel wie z.B. „Patzen ist weniger anstrengend“, „Angeben wirkt“ oder, besonders schön: „Her mit der Idiotenquote!“ Warum auch nicht?! – Ich meine: wer sich für so etwas interessiert … Meine Frau z.B. interessiert sich überhaupt kein bisschen für Fußball. Es ist ganz offensichtlich, dass ihr dazu jeglicher Zugang fehlt. Emotional wie intellektuell. Kein Interesse, kein Verständnis vom Spielgeschehen, letztlich: keinen Plan davon, worum es überhaupt geht.

Und ganz genau so sieht das bei mir mit dem Erwerbsleben aus. Ich weiß schon: man geht morgens ins Büro und kommt nachmittags wieder nach Hause. Im Normalfall. Na gut, meine Frau weiß auch, dass ein Spiel neunzig Minuten dauert. Im Normalfall. Alle rennen wie wild herum, diesmal ist es ein unheimlich wichtiges Spiel, und was man sich sonst noch so Alles erzählt. Sie kennt das alles ... und hat trotzdem keine Ahnung vom Fußball.

 

Es gibt auch Fußballspiele, die sind stinklangweilig. Genauso wie es auch Arbeitstage gibt, die hochinteressant verlaufen. Beides kann mir relativ egal sein, da meine gesundheitliche Verfassung es ohnehin nicht zulässt, bei einem dieser Events mitzuspielen. Ab und zu gucke ich zu, und weil ich weiß, dass ich von Ausnahmephänomenen gesprochen habe, dann doch lieber Menschen beim Fußballspielen als beim Erwerbsarbeiten.

Wobei ich dies präzisieren und relativieren muss: erstens handelt es sich für die Fußballspieler in den allermeisten Fällen ebenfalls um Erwerbsarbeit, und zweitens kann das Beobachten nicht-spielender Arbeitnehmer, wenn man Glück hat, auch recht interessant sein. Damit wäre ich bei der aktuellen Kolumne von Lucy Kellaway, die sich freilich nicht mit Fußball befasst, sondern - wie immer – mit Büroarbeit und, weil sie als wichtige Autorin über Wichtiges zu schreiben pflegt, mit langweiliger und nicht etwa mit interessanter Büroarbeit.

Das heißt: genau genommen äußert sich Lucy weniger über die Arbeit als solche als über die armen Menschen, die diese zu erledigen haben. Am besten können dies die von ihr so klassifizierten „Langweiler“. Mrs. Kellaway schreibt: „Außerdem erledigen sie bereitwillig langweilige Aufgaben. Auch das ist ein Segen, geht es doch im Arbeitsleben der meisten Menschen darum, immer wieder die gleichen ermüdenden, kleinen Dinge zu erledigen.“

Folglich heißt die Überschrift der neuen Kellaway-Kolumne, die in der Rubrik „Erfolg im Job“ erschienen ist: „Vorteil der Langweiler“. Ihr zentrales Argument: Langweiler sind allein schon deshalb im Vorteil, weil das Erwerbsleben selbst langweilig ist. Das ist insofern keine bahnbrechende Erkenntnis, weil wir uns alle schon so etwas gedacht haben. Schließlich ist bei der jährlichen Sparkassengala ja auch nicht der Sparkassendirektor der Stargast des Abends.

 

So weit, so gut, so langweilig. Dann allerdings wirft Lucy Kellaway am Schluss ihrer Kolumne die überaus interessante Frage danach auf, „was denjenigen bleibt, die das Pech haben, als interessanter Mensch geboren worden zu sein?“ Und mit der Antwort darauf zeigt Lucy dann echt ihre ganze Klasse. Die kennt eben nicht jeder. Die Langweiler sowieso nicht, was insofern nicht weiter problematisch ist, als dass sie die ja auch gar nicht zu kennen brauchen. Und die Interessanten?

Sie können es in den Medien versuchen - falls sie dort einen Job finden. Oder unterrichten, schreiben, Regisseur, Dichter oder Philosoph werden. Noch besser wäre natürlich, intelligent zu heiraten, damit die erfolgreiche, aber langweilige Partnerin … die eigene brotlose Kunst finanzieren kann. Und wenn das nichts nützt, kann man sich irgendwo verkriechen und viel zu viele Bücher lesen.“

Bingo! Richtige Antwort, Punkt für Lucy Kellaway. „Intelligent heiraten - oder Bücher lesen“. Hätten Sie´s gewusst, liebe Leserin, lieber Leser? Egal. Jetzt wissen Sie es ja. Da bräuchten Sie nur noch die Information, ob Sie selbst zur Gruppe der Interessanten gehören oder zu der der Langweiler. Mmhh. Nun ja, ganz so schwer ist diese Frage auch wiederum nicht. Wenn Sie mir vielleicht zunächst einmal mitteilen würden, was Sie gegenwärtig beruflich so machen…    

Werner Jurga, 11.06.2012




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