Ausgerechnet zum EM-Start …
Liebe Schufa


Freitag, 8. Juni 2012. Liebe Schufa, nun lass mal nicht den Kopf hängen! Glaub mir, das wird schon wieder! Na sicher: ich habe gut Reden, wirst Du sagen, liebe Schufa. Das stimmt ja auch irgendwie. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Du Dich gerade fühlen musst. Da kann mein Versuch der Aufmunterung leicht etwas albern rüberkommen. Oder gar so, als würde ich an Deinem Schicksal nicht wirklich Anteil nehmen. So ist das aber nicht. Glaub mir, liebe Schufa!

Ich weiß: das war gestern ganz entsetzlich, wie die ganze Pressemeute über Dich hergefallen ist. Was haben die Dich alle runtergemacht! Aufgehetzt von diesen Verbraucherzentralen haben sie alle mitgemacht. So, als würden sie Dir unehrenhafte Absichten unterstellen. Unglaublich! Aber man weiß ja, wie so etwas so läuft. Eine Rufschädigung, ich möchte fast sagen: ein Rufmord unerhörten Ausmaßes.

Aber, glaub mir, so etwas legt sich auch wieder. Irgendwann ist Gras über die Sache gewachsen, und dann interessiert das keinen Menschen mehr. Jetzt wird Dich dies noch nicht trösten können, liebe Schufa. Dazu ist die Wunde einfach noch zu frisch; dazu tut noch alles viel zu weh. Aber warte mal ab, und Du wirst sehen: die Zeit heilt alle Wunden.

Wir leben im Computerzeitalter, das weiß ich auch. Klar, was einmal publik ist, bekommt man nicht mehr weg. Für das Internet gibt es keinen Ratzefummel. Logisch. Auch keinen Tintenkiller. So ist das; das streite ich doch gar nicht ab. Aber jetzt liegst Du am Boden und kannst daher nicht sehen, welch eine große Chance darin für Dich liegt. Gerade für Dich!

Man muss zu dem stehen, was man gemacht hat, sage ich immer. Siehst Du, liebe Schufa, und das ist gerade das Gute am Internet und all diesem Kram. Du brauchst gar nicht irgendwelche Ausflüchte zu suchen und herum zu lamentieren. Alles Quatsch! Jetzt weiß sowieso jeder, dass Du erforschen lässt, wie Du über Facebook und so an noch mehr Informationen über jeden Einzelnen kommen kannst.




Na und?! Die Leute tun gerade so, als ob sie nicht wüssten, dass genau dies Dein Job ist. Und Dein Job … - ist das etwa einer, für den Du Dich entschuldigen müsstest?! Du schützt Menschen davor, Geld an „Kunden“ zu verleihen, die niemals zurückzahlen können oder wollen oder werden. In unserer Welt, in der genau genommen Geld das Wichtigste ist, wird doch wohl die (Gegen-) Frage erlaubt sein, ob es rein logisch betrachtet überhaupt einen ehrenvolleren Job geben kann als Deinen?!

Die einen schützen die Umwelt, die anderen die Tiere, wieder Andere das Klima und was sonst noch Alles. Jeder Scheiß wird heutzutage geschützt. Aber wenn Du Dich dafür aufopferst, das Geld zu schützen, dann rümpfen die ganzen Scheinheiligen ihre Nase und tun gerade so, als würde sie Geld am wenigsten interessieren. Sie verleihen ja nichts. Sie zahlen, was übrig ist, auf ihr Sparbuch ein.

Diese Bigotterie ist unerhört. Und wenn diese Kameraden dann ein paar Euros zusammen haben, rennen sie in die Verbraucherzentrale und erkundigen sich, welcher Riesenflachbildschirm das günstigste Preis-Leistungs-Verhältnis zu bieten hat. Das Problem ist nur: auch diejenigen, die keinen Cent übrig haben, sind unterwegs. Nicht in die Verbraucherzentrale, sondern gleich dorthin, wo Geiz geil ist und ich nicht blöd bin.

Denn heute geht die EM los, und wenn jetzt der heimische Flachbildschirm noch kleiner als einen Meter sein sollte und vielleicht noch nicht einmal Full HD hat, dann hilft der freundliche Verkäufer in dem Elektronikmarkt gern und füllt die Ratenzahlungsvereinbarung gleich an Ort und Stelle fertig mit aus. Ich weiß, liebe Schufa, das weißt Du alles.

Deshalb ist es ja auch so eine Riesensauerei, dass die ganzen Presseheinis Dich jetzt fertigmachen wollen, weil Du dahinterkommen willst, wie Du genauer rausbekommen kannst, ob die „Kunden“ etwas auf der Naht haben oder eben nicht. Jeder weiß, dass genau das Dein Job ist. Also nochmal: das stehst Du durch; das wird schon wieder.

Das ist doch alles Humbug, was die Dir vorhalten. Zum Piepen! Du würdest Dir über Facebook Informationen besorgen wollen. Ja, was glaubst Du denn, was die machen, wenn die etwas über einen rauskriegen wollen, diese Pressefritzen zum Beispiel?! Oder ich zum Beispiel. Wenn ich mit Leuten zu tun bekomme, die ich bisher nicht kenne, gucke ich erst einmal auf Facebook, was es mit denen auf sich hat. Macht doch jeder. Was soll also dieses bekloppte Geschrei?!

Wer in der heutigen Zeit keinen Facebook-Account hat, klarer Fall: mit dem stimmt etwas nicht. Der muss etwas zu verbergen haben, sitzt wahrscheinlich im Knast oder so. Es wird schon seinen Grund haben, warum der nicht bei Facebook ist. Mein Rat in diesem Fall, immer: Finger davon lassen! Das ist sowieso klar. Aber ein Profil bei Facebook heißt natürlich auch noch nichts. Die Leute lügen ja alle, bis sich die Balken biegen.

Da muss man jetzt auf Zack sein, sich die Typen ganz genau angucken. Dafür hast Du, liebe Schufa, natürlich keine Zeit. Also müssen Programme her, Algorithmen, Schlüsselwörter … - Du machst das schon, liebe Schufa! Lass sie doch alle quatschen! Dummes Zeug. Jeder Yeti und Pleti holt sich das, was er angeblich braucht, aus Facebook. Nur Du, die Einzige, die diese Infos wirklich braucht – ausgerechnet Du sollst das nicht dürfen.

Lächerlich. Die sind doch dumm wie Brot. Also zum Schluss nochmal, liebe Schufa: Kopf hoch, das wird schon wieder! Lass Dir bloß nicht von diesen Kretins die Laune verderben! Da stehst Du doch drüber. Ach so, noch eine kleine Erläuterung in eigener Sache: mein Facebook-Posting, in dem ich erzählt habe, dass der Typ von der Trinkhalle sich urplötzlich so angestellt hatte, weil ich mal eben so eine Kleinigkeit anschreiben lassen wollte … - die Sache hat sich längst geklärt.

Nicht, dass Du da die falschen Schlüsse draus ziehst, liebe Schufa. Ich hatte da bloß auf die Schnelle mein Portemonnaie vergessen. Das war alles. Da hatte der Typ einen Zwergenaufstand angefangen, so als wäre ich seiner tollen Trinkhalle schon einmal irgendwann etwas schuldig geblieben. Wie gesagt: der Fall ist erledigt. Wollte ich auf Facebook jetzt nicht auch noch mitteilen.

Ich meine: jetzt ist gut. Der von der Trinkhalle und ich, wir sind jetzt wieder Kumpels. Haben sogar auch schon wieder ein Bier zusammen getrunken. Ich hatte bezahlt. Also, was soll´s? Geht ja schließlich niemanden etwas an. Da bin ich echt niemandem Rechenschaft schuldig, auch auf Facebook nicht. Nur, dass Du Bescheid weißt, liebe Schufa …

Werner Jurga, 08.06.2012





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