„Als Geschäftsführer einer Jüdischen Gemeinde
ist Michael Rubinstein auch irgendwie vorbelastet“

 

Mittwoch, 23. Mai 2012. Es geschah am Sonntag um 20:54 Uhr. Bruno Hensellek drückte die Enter-Taste, um damit den folgenden Kommentar abzuschicken:

„1. Ich habe nichts gegen Religionsgemeinschaften, soll jeder denken oder glauben, was er will. Ich mach es auch. 2. Als Geschäftsführer einer Jüdischen Gemeinde ist Michael Rubinstein auch irgendwie vorbelastet. Das ist damit gemeint, und nichts anderes.“

„Das ist damit gemeint, und nichts anderes“ – das ist der Sound des deutschen Mannes, der sich genötigt sieht, irgendetwas ein für allemal klarstellen zu müssen. Es hatte nämlich eine kontroverse Diskussion gegeben zu einem Posting in dieser Facebook-Gruppe. Ein Wort gab das andere. Vielleicht ist Hensellek einfach nur missverstanden worden; vielleicht war er an diesem Punkt der Debatte auch schlicht nur schon ein wenig genervt. Genervt von all diesen Rubinstein-Fans, die ihn partout nicht so verstehen wollten, wie er verstanden werden wollte. Deshalb hatte Bruno Hensellek einfach noch einmal klipp und klargemacht, was er gemeint hatte: „nichts anders“ als dass Michael Rubinstein als Geschäftsführer einer Jüdischen Gemeinde auch irgendwie vorbelastet ist.


Aber der Reihe nach. Es geht, wie Insider schon geahnt haben dürften, um den OB-Wahlkampf in Duisburg. Michael Rubinstein ist einer der unabhängigen Kandidaten, der einzige unter ihnen, der sich Hoffnungen machen kann, bei der Wahl am 17. Juni den 2. Platz erlangen zu können und damit in die Stichwahl gegen den sozialdemokratischen Favoriten Sören Link zu kommen.

Hensellek ist Mitglied der SPD und unterstützt folglich den SPD-Kandidaten. Einst hatte er bei ArcelorMittal gearbeitet, im Knüppelwalzwerk, der Bruno Hensellek. Rubinstein arbeitet als Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde, immer noch. Aber, wie gesagt; er will ja Duisburgs Oberbürgermeister werden, der Michael Rubinstein. In diesem seinen Begehr unterstützt ihn die Bürgerinitiative Neuanfang für Duisburg e.V., die zu diesem Zweck eine Facebook-Seite gleichen Namens unterhält.

Den Kopf dieser Seite schmückt ein Rubinstein-Wahlwerbe-Banner, und schon am Sonntag zuvor postete der Werner Hüsken, der Vorsitzende dieses Vereins, folgenden kleinen Wortbeitrag:

„ECHTER NEUANFANG - Diesmal ohne Parteibuch!
Deshalb MICHAEL RUBINSTEN“

Naheliegenderweise konnte Hüskens wenig bis gar nicht kaschierte Wahlwerbung dem Genossen Hensellek überhaupt nicht gefallen, der deshalb am Montag, den 14. Mai um 10:55 Uhr mit dem Gegenangriff „Rubinstein???? Nein Danke“ konterte. Die vier Fragezeichen im Original. Nicht drei, nein: vier.

 

Hier ´ne Meinung, da ´ne Meinung – das ist in Ordnung, das ist Demokratie. Demokratie ist das Beste, was es gibt, selbst wenn ihre Nachteile offensichtlich sind. Zum Beispiel dieser: Debatten können sich furchtbar hinziehen. An diesem Sonntag, also am 20. Mai, also eine Woche, nachdem Hüsken für einen Neuanfang ohne Parteibuch plädiert hatte, will Hensellek plötzlich wissen: „Hat Rubinstein nicht auch ein Parteibuch in der Tasche ???“ Diesmal nur drei Fragezeichen, gesetzt um 12:36 Uhr.

Es folgen etliche Beiträge, die sich darin gleichen zu glauben, Rubinstein sei parteilos. Womit wir beim Stichwort wären: Glauben. Ist bekanntlich nicht Wissen; also setzt Hensellek unbarmherzig nach. Um 14:20 Uhr mit der knallharten nächsten Frage: „Vertritt er nicht eine Glaubensgemeinschaft???“ Natürlich tut er das, dieser Rubinstein.

Dermaßen in die Enge getrieben tritt er höchstselbst an, Kandidat Rubinstein. Er „verfüge über kein Parteibuch und habe noch nie über ein Parteibuch verfügt“, erklärt er um 14:25 Uhr, um um 14:42 Uhr nachzuschieben, es sei „nicht verwerflich, einer Religionsgemeinschaft anzugehören“. Ja, für so etwas muss der Kandidat persönlich ran, der „einer Religionsgemeinschaft“ angehört – „einer“ wohlbemerkt!

 

Die Rubinstein-Fans beginnen ab jetzt in verstärktem Maße, Henselleks SPD-Mitgliedschaft zu problematisieren. Um 18:57 Uhr weist Hensellek, der etwas zu ahnen scheint, dieses „Problem“ keineswegs als das Konstrukt politischer Gegner zurück, sondern bestätigt es eher mit seiner mannhaften Feststellung: „Auch wenn ich einer Partei angehöre, hab ich meine eigene Meinung, und die kann mir keiner verbieten.“

Der Druck nimmt zu, die anderen Diskutanten werden nicht ausfallend, nicht einmal richtig unhöflich, doch es fallen Wörter wie „braun“. Zwei Stunden später ist es dann so weit: Hensellek bringt das eingangs angeführte Zitat mit dem „irgendwie vorbelastet“. Das bringt freilich noch etwas mehr Leben in die Debatte. Hensellek ergreift jede passende und unpassende Gelegenheit, mal etwas Schlechtes über die CDU oder etwas Gutes über Sören Link zu posten, und versucht so, sich aus der etwas misslichen Lage zu befreien.

Doch diese Mattenflucht will nicht gelingen. Bruno Hensellek muss um 21:23 Uhr noch einmal festklopfen, was er wirklich meint: „Ich habe nichts gegen seine Religionszugehörigkeit, aber als Geschäftsführer einer Religionsgemeinschaft ist er auch nicht mehr neutral.“ Nun ja, das hätte man auch schon früher verstehen können. „Nichts gegen seine Religionszugehörigkeit, aber …“ ist doch wohl deutlich genug. Egal, abermals zu einem Statement berufen fühlt sich der OB-Kandidat, gegen dessen Religionszugehörigkeit keiner etwas hat, aber „vielleicht nicht so genau (weiß), was der Geschäftsführer einer Gemeinde macht“.

 

Rubinstein erklärt, was so ein Geschäftsführer so macht. Und die Gemeinde – nein, nicht die jüdische, sondern die Rubinstein-Fangemeinde – wird auch etwas gnädiger mit dem Genossen, der einst im Knüppelwalzwerk geschuftet hatte. „Ah, jetzt verstehe ich besser, Herr Bruno Hensellek“, räumt Armin um 21:36 Uhr ein, „Sie unterstellen, dass die jüdische Gemeinde über das Mandat von Herrn Michael Rubinstein unerwünschten Einfluss in Duisburg ausübt?“

„Ausüben könnte“, wenn er gewählt würde, müsste es heißen, in das Amt, nicht in ein Mandat. Aber egal – ja logisch! Endlich schnallt es mal einer. Hinter dem Juden stehen die Juden, und dass deren Einfluss „unerwünscht“ wäre, darf ohnehin als unstreitig gelten. Schließlich ist der Einfluss einer jeden Religion auf die Politik letztlich „unerwünscht“, auch wenn sowohl Bruno als auch Armin darauf in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht extra noch einmal ausdrücklich aufmerksam gemacht hatten.

Martina schließt um 21:37 Uhr mit einem soziologischen Diskurs an. Es sei, schreibt sie, „immer schwierig, wenn man sich irgendwo organisiert - dann ist man nie völlig neutral“. Lassen wir einmal dahingestellt, dass man völlig neutral so gesehen vermutlich nicht einmal in einer Krankenkasse organisiert wäre und beim ersten Blindarmjucken statt über die „eigene Position“ im „internen Gruppendiskurs“ völlig frei über die Frage nachdenken darf, wie man an die Kohle für die anstehende OP kommt!

Konzentrieren wir aus auf Martinas Fazit, das da lautet: „Kein Richter, kein Gericht ist neutral, aber er bzw. es sollte sich um Objektivität bemühen.“ Das findet Bruno einerseits irgendwie komisch, andererseits aber trotzdem gar nicht so schlecht, so dass er um 21:38 Uhr großzügig konzedieren kann: „Ok, lasse ich so im Raum stehen.“ Zumal: „Sonst sind wir noch tagelang am Schreiben.“ Das möchte er aber nicht; denn – kann man es ihm verdenken? – er hat „auch keine Lust mehr.“

 

Die ganze Diskussion lief nämlich irgendwie ziemlich beschissen. Na ja, sei´s drum: Bruno Hensellek wäre nicht Bruno Hensellek, würde er in seinem Schlusswort nicht noch einmal klar machen, dass ein Mann ein Wort ist und dass ihm das ganze Gequater der Leute im Grunde sowieso am unbekleideten Gesäß vorbeigeht. Schlusssatz Hensellek: „Meine Meinung behalte ich trotzdem.“

Ach Bruno: ich die meine übrigens auch. Meine Meinung über Dich. Allein: ich sage sie Dir nicht. Erstens gehört es sich nicht. Und zweitens bringt das nichts. Mir nicht, und Dir sowieso nicht.

 

Werner Jurga, 23.05.2012

 

Der 23. Mai ist das Gründungsdatum der Bundesrepublik Deutschland (Grundgesetz 23.05.1949)
und gilt als Gründungsdatum der SPD (ADAV-Kongress 23.05.1863)

 

 

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