Himmelfahrt:
OB-Wahlkampf in Duisburg

 

Donnerstag, 17. Mai 2012, Himmelfahrt. Die NRW-Landtagswahl ist gelaufen, doch in Duisburg geht es sogleich weiter mit dem Wahlkampf für den nächsten Urnengang. Heute in einem Monat, also am 17. Juni, steht die Wahl eines neuen Oberbürgermeisters an. Der bisherige Amtsinhaber Adolf Sauerland wurde am 12. Februar bekanntlich in einer Bürgerabstimmung mit eindrucksvoller Wahlbeteiligung aus dem Amt befördert. 13 Kandidaten haben es auf den Stimmzettel geschafft; sei es, weil sie von ihrer Partei aufgestellt wurden, sei es, weil sie die erforderliche Zahl an Unterstützungsunterschriften zusammenbekommen hatten. Ein Promille der Wahlberechtigten mussten es sein, etwa 380 Unterstützer.

Bis zur Landtagswahl am letzten Sonntag lief der OB-Wahlkampf noch auf Sparflamme, doch seit Montag ist die Bahn frei für die heiße Phase. Die ersten Plakate sind geklebt, und die Kandidaten selbst absolvieren eine wahre Serie von Podiumsdiskussionen. Vier davon haben sie jetzt hinter sich gebracht, etwa die doppelte Menge steht ihnen noch bevor. Es sei toll, so ist zu hören und zu lesen, all diese Kandidaten live erleben zu können und ihnen – abhängig von der individuellen Traute – entweder im vollen Saal oder nach dem Hauptact in kleiner Runde eine oder mehrere Fragen stellen zu dürfen. Demokratie vor Ort – warum auch nicht?!


Fitzek, Rubinstein, Link, Lensdorf

Allerdings ist es auch für den politisch geübten Zuhörer nicht immer ganz leicht, die inhaltlichen Unterschiede zwischen den Kandidaten zu erkennen. Die Dinge sind halt, wie sie sind, und sie sind nicht gut. Alle Kandidaten erklären pflichtschuldig ihre Bereitschaft, als Oberbürgermeister oder Oberbürgermeisterin 82 Millionen Euro einsparen zu wollen. Dabei kommt es auf sie überhaupt nicht an. Wenn ihnen, ach was: einem oder einer von ihnen die Amtsgeschäfte übertragen werden, ist das Sparpaket längst vom Stadtrat beschlossen. Sie dürfen es dann umsetzen. Oder auch nicht. Für den Fall, dass sich die Mehrheit der Ratsleute nicht auf ein Sparpaket im geforderten Ausmaß einigen kann, erledigt das ein Sparkommissar der Bezirksregierung.

Ob Sparkommissar oder „freiwilliges“ Schuldenregiment – allzu viel politischen Handlungsspielraum wird der nächste OB in beiden Fällen nicht haben. 82 Millionen Euro sind angesichts des Umstandes, dass der überwiegende Teil des städtischen Haushalts für sog. Pflichtaufgaben ausgegeben wird, ein so großes Stück vom Kuchen, dass an Gestaltungsmöglichkeiten nicht mehr viel übrig bleiben wird. In keiner der Diskussionsrunden versäumt es auch nur ein Kandidat, auf diesen unerfreulichen Umstand hinzuweisen. Demokratie vor Ort – warum auch nicht?! Andererseits: die Oberbürgermeister vor Zusammenlegung der Doppelspitze – in Duisburg war Josef Krings der letzte dieser Spezies – hatten in Sachen Haushalt auch nicht viel zu melden.

Einige von ihnen sind dennoch zu „großen“ Revier-Oberbürgermeistern geworden - Josef Krings ist einer davon. Andere aus dieser illustren Reihe hießen Heinrich Thöne, Horst Katzor und Günter Samtlebe, um nur einige zu nennen. Auch diese Großen hatten irgendwann einmal klein anfangen müssen, so wie unsere Kandidaten jetzt in Duisburg, die live erleben zu können immerhin auch schon ganz schön toll ist. Obgleich in aller Regel etwas überraschungsarm und manchmal sogar etwas ermüdend, wäre da nicht Benno Lensdorf, der CDU-Kandidat und enge Weggefährte Adolf Sauerlands, der mindestens einmal pro Veranstaltung mit einem markigen – vorsichtig ausgedrückt – konservativen Spruch an das gesunde Empfinden des Duisburger Volkes appelliert.

Man schreckt kurz auf, freut sich, wieder auf Empfang zurückgeschockt worden zu sein und dass der es sowieso nicht wird. Obwohl sich der Alterspräsident in dieser Runde noch so jung fühlt, dass er sich in der Kandidatenvorstellung irrtümlicherweise schon mal 10 Jahre jünger macht (59 statt 69). Schwamm drüber: wir brauchen wieder Ordnung, Erziehung, Disziplin. Die beiden Damen im Ring kommen aus der mittleren Altersgruppe. Ingrid Fitzek (53) ist die jüngere der beiden, spricht aber schon so wie eine große alte Dame der FDP. Ach was: Fitzek ist von den Grünen, spricht also eher so wie Antje Vollmer, was auch stimmlich einigermaßen hinkommt.

Barbara Laakmann (61) von den Linken ist zwar ein paar Jährchen älter, kommt aber mit ihren ungezwungenen Auftritten ziemlich flott rüber. Wenn Laakmann erzählt, bekommen auch Nicht-Linke und/oder Nicht-Duisburger einen Eindruck davon vermittelt, wie es an den Küchentischen normaler Menschen zugeht. Dies können und wollen Sören Link (35) und Michael Rubinstein (40) gar nicht hinbekommen. Vermutlich können sie es schon allein deshalb nicht, weil sie die beiden Benjamine im Kandidatenclub sind. Jedenfalls wollen sie es nicht. Sie sind die beiden Einzigen, die wirklich Oberbürgermeister in Duisburg werden wollen. „Wirklich“ meint: in fester Absicht jenseits verträumter Gedankenspiele.

Allein dafür gebührt Link und Rubinstein unser Respekt. Also dafür, dass diese beiden allen Ernstes Duisburger Oberbürgermeister werden wollen. Ein Job, der „nicht vergnügungssteuerpflichtig“ sei, formuliert Rubinstein bisweilen in diesem Zusammenhang. Eine Redensart, deren abgründige Dimension einem erst im Zusammenhang mit dem Diskussionsverlauf vorher oder nachher vollauf deutlich wird. Michael Rubinstein, der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde, ist parteilos und wird von der Bürgerinitiative Neuanfang für Duisburg e.V., der FDP und den Piraten unterstützt. Er bleibe aber unabhängiger Kandidat, betont er.

Sören Link ist als SPD-Kandidat haushoher Favorit, zumal die SPD-Ergebnisse bei der Landtagswahl – durchweg zwischen 50 und 60 % - die Hoffnung begründen, dass er es schon im ersten Wahlgang am 17. Juni schaffen könnte. Doch Link weiß, dass für die OB-Wahl andere Gesetze gelten, es also schwer wird, schon im ersten Rutsch die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen zu holen. Eine Stichwahl fände am 1. Juli statt. Auf den Podien bildet sich ab, was in den Medien und den politisch interessierten Kreisen Duisburgs über die Chancen der Kandidaten zu vernehmen ist. Berufspolitiker Link setzt die Benchmarks der Debatte, gefolgt vom Medienfachmann Rubinstein, der etwas gefälliger rüberkommt.

Inhaltliche Differenzen zwischen Link und Rubinstein müsste man mit der Lupe suchen, während die Unterschiede im Auftreten der beiden augenfällig sind. Sören Link wird auch schon mal ungehalten und schaltet dann auf oder gleitet in den Schimanski-Stil. Michael Rubinstein dagegen kommt auch dann, wenn er sich um demonstrative Empörung bemüht, nicht so recht vom Charming-Boy weg. Ob es toll ist, diese Kandidaten live erleben zu können, bleibt dahingestellt. Toll ist aber zweifelsohne, die Kandidaten als Menschen zu erleben. Den Link und den Rubinstein, aber auch die beiden Damen und auch die anderen Kandidaten. Was Duisburg als vermeintlich „zweite Wahl“ anzubieten hat, kann sich sehen lassen.

Bis vor Kurzem noch hatte sich Duisburg den Heilsbringer oder die Zauberfrau herbeigesehnt. Von außen, prominent, Verwaltungssuperexperte, politisch charismatisch und was weiß ich noch alles. Das wäre übrigens nicht so toll geworden, allein schon deshalb, weil für den oder die Retter(in) genau dasselbe Korsett des Haushaltszwangs gegolten hätte wie für die heimischen Gewächse. Unterernährte sind aber nicht gut im Gewichtheben, Übergewichtige nicht gut im Schnellschwimmen, und Kleine nicht gut im Basketball. Nicht diese Schufterei und so eine Blamage für die paar Kröten! Link und Rubinstein wollen wirklich Oberbürgermeister in Duisburg werden. Respekt. Oder wie soll man das nennen?

Werner Jurga, 17.05.2012




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