EHEC - "ohne Befund"?

Mittwoch, 8. Juni. Gert Lindemann. Sagt Ihnen der Name etwas? Gert Lindemann ist Niedersachsens Landwirtschaftsminister, also derjenige, der am Sonntagnachmittag kurzfristig zu einer Pressekonferenz geladen hatte und verkündete, im Grunde sei die „Quelle“ des EHEC-Erregers gefunden. Er habe zwar noch keine Beweise, da die Laboruntersuchungen erst am Montag erste Befunde lieferten. Aber die Indizienkette – bestehend aus Lieferbeziehungen – sei so dicht, dass die Sprossen und der Biobauernhof aus Bienenbüttel faktisch überführt seien.

Am Montag meldete das Labor o.B. – „ohne Befund“. Armer Gert Lindemann. Am Dienstag ergab dann die Überprüfung einer älteren Tüte Sprossen, die ein Kunde im Kühlschrank vergessen hatte, ebenfalls „negativ“. Ganz negativ nicht nur für Lindemann, sondern für alle mit dieser Angelegenheit befassten Stellen. Man stand wieder am Anfang, ein Rückschlag auf Punkt Null, die Suche musste von vorn beginnen.

Es kann davon ausgegangen werden, dass – wie in etwa drei Viertel aller Fälle – auch diese Suche im Sande verlaufen wird. Die Annahme scheint sich zu bestätigen, dass sich der ganze Spuk so unerklärlich verzieht, wie er gekommen ist. Seit vier Tagen ist die Zahl der Neuinfizierten rückläufig, werden mehr und mehr EHEC-Erkrankte aus den Kliniken entlassen, kurzum: ist die Hoffnung berechtigt, dass sich die Situation allmählich entspannt.

Es ist wahrscheinlich, dass der arme Lindemann mit seinem Hinweis auf den Sprossenhof Recht hatte, auch wenn er für diese These nie und nimmer wird Beweise liefern können. Immerhin kann er jetzt auch anführen, dass auf dem Hof selbst eine Reihe von Mitarbeiterinnen an EHEC erkrankt ist, wobei freilich sein anfänglicher Hinweis auf die Abnehmer des Hofes noch gewichtiger war. Niemand konnte Lindemanns Behauptung widerlegen, faktisch alle Fälle schwerster Krankheitsverläufe ließen sich bis zum Hof zurückverfolgen.

Nur eine einzige Charge einer inzwischen einige Wochen zurückliegenden Sprossenlieferung dürfte mit dem todbringenden Keim verseucht gewesen sein. Wir haben gelernt, dass das Ziehen dieser Sprossen unter Bedingungen geschieht, die auch ideal für Kolibakterien sind: Wasserdampf, 38 Grad Celsius. Dass in diesem Milieu auch so ein brandgefährliches „Hybridbakterium“ gedeihen kann, ist ebenfalls keine Überraschung. Es ist müßig, nach Ort und / oder Ursache der Verunreinigung zu fahnden.

Es wird nicht herauszufinden sein, ob das Bakterium erst in Bienenbüttel oder bereits bei einem Zulieferer den Zugang zu den Sprossen (-samen) gefunden hat. So etwas passiert schnell, eine kleine Unachtsamkeit, nennen wir sie „Schlamperei“ oder „menschliches Versagen“. Wer weiß? Eine Berührung mit der Hand oder etwas, das auf den Boden gefallen ist, doch einmal kurz wieder dahin getan, wo es –eben nicht! – hingehört. Verzeihlich, unverzeihlich? Wo Menschen sind, wird sich jedenfalls der Fehler niemals vollständig ausschließen lassen.

Umso dringender ist es, die Möglichkeiten staatlicher Reaktion auf einen laufenden Seuchenprozess zu optimieren. Man mag bezweifeln, ob dies in der aktuellen EHEC-Krise die Spurensuche nennenswert beschleunigt hätte. Aber niemand bezweifelt, dass der Kompetenzwirrwarr zwischen den diversen Behörden suboptimal ist. Schon dass zwei Bundesministerien (Verbraucherschutz und Gesundheit) gleichrangig zuständig sind, erscheint als probleminadäquat.

Das größte Hindernis einer effektiven Seuchenbekämpfung stellt in Deutschland jedoch zweifelsohne der Föderalismus dar. Auch während der EHEC-Krise hat sich (abermals) gezeigt, dass die Bundesländer auf ihre verfassungsmäßigen Rechte pochen und keineswegs bereit sind, sich der Weisungsbefugnis irgendeiner „Bundeszentrale“ zu beugen. Dies aber ist offensichtlich grotesk. Europäische Partnerländer spotten über die daraus resultierende strukturelle Handlungsunfähigkeit deutscher Behörden, und auch kein deutscher Politiker würde den Status Quo als optimal bezeichnen.

Hier jedoch rasch Fortschritte im Sinne der Fähigkeit zu einer schnellen Krisenreaktion erzielen zu können, muss gegenwärtig als ein fast aussichtsloses Unterfangen bezeichnet werden. Zum einen wegen der starken Stellung der Länder und Landespolitiker, die nicht bereit sind, kampflos Positionen zu räumen. Zum anderen wegen der im Grundgesetz „felsenfest“ verankerten föderalen Strukturen – eine Reaktion auf den Zentralstaat der Nazis. Im Rahmen des deutschen Verfassungsrechts wie der politischen Wirklichkeit erscheint eine Überwindung dieser Dysfunktionalität als nahezu ausgeschlossen.

Eine Lösung dieses Dilemmas könnte darin bestehen, die europäische Ebene mit weitreichenden Befugnissen in der Seuchenbekämpfung auszustatten. Dies ist ohnehin auch von der Sache her geboten: Bakterien und Viren pfeifen nämlich nicht nur auf die Grenzen der Bundesländer, sie respektieren die Staatsgrenzen ebenfalls nicht. Es sind keine günstigen Zeiten für eine Europäisierung dieser Aufgaben, insgesamt dürfte es aber aussichtsreicher sein, eine solche, mit „robusten“ Befugnissen ausgestattete „Schnelle Eingreiftruppe“ in Brüssel zu implementieren als in Berlin.


Werner Juni, 8. Juni 2011

Dieser Artikel erschien auch bei den Ruhrbaronen am 8. Juni 2011.