Philipp Rösler

Gelb kommt irgendwie nicht an


Dienstag, 23. April 2013. Philipp Rösler ist ein deutscher Politiker, und zwar ein ziemlich bekannter deutscher Politiker. Zugegeben: es gibt bekanntere deutsche Politiker, aber immerhin. Schon im Dezember 2011 kannten laut ZDF-Politbarometer 93% der Befragten Herrn Rösler, mittlerweile können es eigentlich nur mehr sein. Mir liegen allerdings keinerlei Daten darüber vor, was die Befragten, hochgerechnet also: die Deutschen genau über Herrn Rösler wissen. Wir können da nur spekulieren. Dass Philipp Rösler das Amt des Bundeswirtschaftsministers innehat, dürfte m.E. ausschließlich politisch hoch informierten Landsleuten bekannt sein. Was insofern nicht weiter tragisch ist, als dass eine lebendige Demokratie nicht darauf angewiesen ist, dass 93% der Bürger politisches Expertenwissen mit sich herumschleppen müssen. Oder wissen Sie etwa, wie die neue Bundesbildungsministerin heißt?! Aha.

Oder was der Bundeswirtschaftsministers eigentlich zu sagen hat? Na gut, das war aber auch nicht viel. Das bleibt aber bitte unter uns! Außerdem ist Rösler auch noch – vielleicht wissen dies schon eine Handvoll mehr Leute – Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland. Auch dieser Job ist nicht allzu wichtig. Wenn Frau Merkel mal nicht im Lande ist, darf Rösler die Kabinettssitzung leiten. Das war´s dann aber im Grunde auch schon. Also kein Vergleich etwa mit dem Posten des US-Vizepräsidenten. Sollte Obama zurücktreten oder ihm gar etwas zustoßen, ist Biden Präsident, und zwar bis zum Ende der Amtsperiode. Einem deutschen Vizekanzler würden (es ist noch nie vorgekommen) die Amtsgeschäfte nur kurzfristig und kommissarisch zufallen. Rösler erreicht also seinen relativ hohen Bekanntheitsgrad weniger wegen seiner Aufgaben in der Regierung, sondern eher dadurch, dass er ihr überhaupt angehört.


Und dass Rösler Vorsitzender der FDP ist. Das wissen die Leute; vielleicht nicht 93%, aber ganz schön viele. Und die wissen auch, wie er aussieht, nämlich asiatisch. Es sind vornehmlich diese beiden Punkte, die Rösler den recht ansehnlichen Bekanntheitsgrad bescheren: der FDP-Vorsitz und seine genetische Herkunft. Doch beide Punkte sind, um es einigermaßen neutral zu formulieren, nicht ganz unumstritten. Gelb kommt irgendwie nicht so richtig an. Nicht Wenige verfallen schon bei Erwähnung der Buchstabenkombination F und D und P in eine kaum mehr zu überwindende Abwehrhaltung. Anderen wiederum – in ganz seltenen Fällen auch Dieselben, doch meist sind es Andere – passt Röslers Aussehen partout nicht in den Kram. „Der Chinese muss weg“, fordern potenzielle FDP-Wähler an den liberalen Infoständen, wie uns kürzlich der stellvertretende Vorsitzende Hahn wissen ließ.

Und so mag es nicht verwundern, dass es um Philipp Röslers Beliebtheitswerte nicht ganz so günstig steht wie um seinen Bekanntheitsgrad. Den einst von den Linken Gysi und Lafontaine fest gebuchte Platz des unbeliebtesten deutschen Politikers nimmt Rösler seit vielen Monaten in steter Regelmäßigkeit ein. Mit Abstand, auch wenn er sich im ZDF-Politbarometer in diesem Monat auf der Beliebtheitsskala von + 5 bis – 5 von minus 1,2 auf minus 1,1 verbessert hat. Keine Messungenauigkeit, sondern der „Lohn“ dafür, dass er sich parteiintern gegen Brüderle durchsetzen oder zumindest behaupten konnte. Im ARD-Deutschlandtrend (vom 4. April 2013) ist Rösler allerdings weiter abgestürzt: mittlerweile geben nur noch 18% der Befragten an, „zufrieden mit der Arbeit“ von Philipp Rösler zu sein. Diese Werte sind desaströs... - und auch nicht allein mit der gelben Parteifarbe zu erklären, wie die Platzierungen von Brüderle und Westerwelle belegen.


Oder womit erklären Sie sich Röslers Unbeliebtheit? Gewiss, seine ganz persönliche Art mögen nicht jedermanns Sache sein. Der Eindruck, er stecke in etwas zu großen Schuhen, verdankt sich auch seinem Wechselspiel aus unreif wirkenden Auftritten mit dick aufgetragenem Triumphalismus. Sein etwas verschrobener Humor wirkt mitunter etwas albern, doch man vergleiche seine Beliebtheitswerte nur mit denen der anderen Spitzenpolitiker, die auch nicht allesamt ohne jeden Fehl und Tadel sind. Wer sich den Volkssport Rösler-Bashing ohne sein asiatisches Aussehen erklären möchte, macht sich etwas vor. Zeit Online stellt fest: „Keine Partei wagte es bisher, ihre rassistischen Wähler zu konfrontieren“. Keine Partei, und schon gar nicht die FDP. Wie auch immer, Röslers katastrophales Image verdankt sich jedenfalls nicht seiner Aufstellung in der politischen Gretchenfrage. „Wie hältst Du es mit dem Euro?“

Wie kein Anderer aus dem FDP-Führungszirkel hat Rösler die „eurokritischen“ Stimmungen in seiner Partei und in der Bevölkerung in seine Euro-Positionierung mit eingebaut. Selbst die Anti-Euro-Pöbeleien aus Bayern, die Bierzeltsprüche eines Dobrindts oder eines Söders, konnte Rösler mit seinen gezielten Attacken auf die europäische Gemeinschaftswährung locker toppen. Zwar kam er als Parteivorsitzender nicht umhin, sich der von Frank Schäffler und Konsorten geplanten Transformation der FDP in eine Anti-Euro-Partei entgegenzustellen, zumal eine Niederlage des Mitgliederentscheids seine Niederlage gewesen wäre und damit sein politisches Ende bedeutet hätte. Doch mit seinen Provokationen gegen die Merkelsche „Rettungspolitik“ ging Rösler stets bis an den Rand der Regierungsfähigkeit der FDP. Es war Philipp Rösler, der das „eurokritische“ Profil der FDP geprägt hatte und niemand Anderer.


Schnee von gestern. Rösler konnte aus seinem „eurokritischen“ Populismus keinen Honig saugen. Unter seiner Führung droht(e) der FDP mit Umfragewerten von zwei oder drei Prozent der Absturz in die politische Bedeutungslosigkeit. Es waren dann Andere, die für die Liberalen wieder Wahlen gewonnen haben. Kubicki, dessen Inszenierung auch ohne europopulistische Männekes auskommt, und Christian Lindner, der Röslers Anbiederung an die rechten Stimmungen im FDP-Funktionärskörper von vornherein entgegengetreten ist. Lindner hat jetzt den Segen von Genscher, und wo Westerwelle steht, war ohnehin klar. Mit steigenden Popularitätswerten kann sich der Außenminister immer lauter in Stellung bringen – auch in Sachen Euro. Kurzum: Rösler hat verloren. Das heißt aber auch: die FDP hat die „eurokritische“ Flanke ein für allemal geräumt. So entsteht Platz für Neue, und der Wirtschaftsminister muss seiner Partei hinterher flitzen.

Der größtmöglichen Verbreitung wegen hat Philipp Rösler für seine Flitzer-Darbietung die Bildzeitung gewählt. Gestern, exklusives Bild-Interview. Und so geht es los, „Bild“ fragt: „Die Euro-kritische Alternative für Deutschland (AfD) wirbt u.a. um enttäuschte FDP-Wähler. Wie gefährlich wird die Partei für die Liberalen?“ Und was sagt Rösler? Man höre und staune! „Wir suchen die sachliche Auseinandersetzung. Und dabei wird klar: Die AfD ist nicht gut für Deutschland. Sie will zurück zur D-Mark, die Konsequenzen wären fatal. Die Experten sagen: Ein solcher Schritt würde die Wirtschaft ins Chaos stürzen und die Arbeitslosigkeit enorm steigern. Das kann niemand ernsthaft wollen.“ Ich hätte es kaum schöner sagen können. „Im Himmel wird mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren (Lk 15,7)“. Im Himmel, ja sicher. An der Wahlurne könnte es aber anders aussehen. Und im Himmel, da sind wir in der Regel schon tot.


Werner Jurga, 23.04.2013







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