Bild: Screenshot TaM-Homepage


Tamtam ums TaM


Das Theater am Marientor (TaM) steckt in Schwierigkeiten. In großen Schwierigkeiten. Der im letzten Jahr geplante Verkauf des TaM ist nämlich – endgültig in diesem Frühjahr – geplatzt, und jetzt sind sie da, die Probleme. Und wenn das TaM Probleme hat, dann hat auch Duisburg Probleme. Und zwar zunächst einmal „ein erhebliches Liquiditätsproblem“, das – so die Rechnungsprüfer der Stadt – auf die DBV zukommt, also auf eine hundertprozentige „Tochter“ der GEBAG, die ihrerseits eine hundertprozentige „Tochter“ der Stadt Duisburg ist. Zusätzlich wäre da auch noch „das Problem eines ungenutzten Objektes an einem nicht unproblematischen Standort“, wie die Rechnungsprüfer galant formulieren. Dumm gelaufen …

 7. Juni 2011. Gestern war gestern und heute ist heut´. Befassen wir uns also erst gar nicht mit der Frage, wer die ganze Sache vergurkt hat, zumal damit ganz andere Instanzen mit befasst sind. Oder sein sollten. Oder so. Kommen wir also gleich zu der Frage, wie das jetzt bloß weitergehen soll mit dem TaM. „Was tun?“ pflegte dereinst der Revolutionär in solchen Fällen zu fragen. „Und nun“ ließe sich mit gleichem Recht formulieren, wenn man Qualitätsjournalismus betriebe. Betreibt man aber nicht. Schauen wir deshalb in die Brutstätte des Qualitätsjournalismus, also in die Leitartikel der one and only WAZ, in diesem Fall: in die Legebatterie am Standort Duisburg. 

Der Redaktionsleiter hatte sich Gedanken gemacht, und er lässt sie uns freundlicherweise wissen. In einem Kommentar am Rande seines Berichts über das Tamtam ums TaM. Oliver Schmeer, bitte sehr:
„Das TaM startete einst mit dem Musical „Les Misérables“, die Elenden. Und derzeit laufen die Proben für die „Rocky Horror Picture Show“. Sinnfälliger kann das Bühnenprogramm für die Geschichte des Theaters am Marientor nicht sein.“
Wow! Das ist Qualitätsjournalismus. Angefangen mit den Misérables, am Ende die „Rocky Horror Picture Show“. Wie sinnfällig, d.h. sinnfälliger. Form und Inhalt in harmonische Übereinstimmung gebracht: sinnfällig, sinnfälliger, am sinnfälligsten. Was für eine Einleitung!

Weiter im Text – Achtung: „Und nun“. Es musste ja so kommen. Was? Wir halten uns streng am Text: „Der Verkauf ist geplatzt.“ Ja klar; das ist ja gerade das Problem. Das nächste Problem: es ist selbstverständlich völlig unzulässig, an dieser Stelle Oliver Schmeers Kommentar komplett zu zitieren. Es kann ja nicht angehen, ein solches Filetstück ortsansässigen Qualitätsjournalismus´ einfach mal so zu klauen, indem man den vollständigen, sagen wir mal: Gedankengang auf einer Website nichtqualitativen Nichtjournalismus´ … - verboten! Deshalb jetzt an dieser Stelle ein kleiner Sprung.

Wir steigen wieder ein an dem Punkt, wo Schmeer die alles entscheidende Frage aufwirft: „Wie kommt man raus aus dem Dilemma?“ Und die Antwort folgt auf dem Fuße: „Das ist offen, keine Frage.“ Stopp, es geht noch weiter, freilich ungekürzt, und zwar so: „Man muss es eben nur beraten und entscheiden.“ So einfach ist das alles! Hier muss noch einmal beim Zitieren des WAZ-Kommentars gekürzt werden – erstens aus den erwähnten juristischen Gründen und zweitens, weil jetzt ohnehin nur noch einmal die aus dem Bericht bekannte Darstellung des Problems zusammengefasst wird.

Am Ende des Kommentars tatsächlich die so ersehnte politische Meinungsäußerung. Schmeer plädiert für das TaM: „Dafür sind dann ebenso Zuschüsse nötig wie für die Oper im Theater oder die Philharmonie in der Mercatorhalle.“ Recht hat er damit! Verständlich auch, dass Schmeer sich nicht traut anzusprechen, dass die Höhe der Subventionen für Oper und Philharmonie durchaus diskutiert werden darf. Damit brächte man zwar die tatsächlichen und vermeintlichen Kulturpolitiker im Stadtrat gegen sich auf, was in diesem Zusammenhang vielleicht nicht allzu klug wäre. Aber darüber reden sollte man schon.
Populismus-Gefahr, keine Frage. Ehe man sich versieht, könnte man zum Fürsprecher der Hochkultur“-Verächter werden. Wird jedoch auch weiterhin jegliche Debatte über diese Subventionen – immerhin bis zu 300 Euro pro Nase und Abend – tabuisiert, sollte sich niemand wundern, wenn bei einem der absehbaren nächsten Sparpakete diese Zuschüsse für die tatsächlichen und vermeintlichen Eliten umso kräftiger unter die Räder kommen.

Zurück zum TaM. Schmeer hat sein Plädoyer für das TaM betitelt mit „Bühne für das Leichte“. Zitat: „Braucht das kulturelle Leben die Nuhrs und Shaolins dieser Welt? Ja.“ Nur nebenbei: es gibt nicht die „Nuhrs dieser Welt“, sondern nur den einen einzigartigen Dieter Nuhr. Frage: wenn Nuhr für „das Leichte“ steht, wofür steht dann Schmeer. Wenn Victor Hugo, dem wir die Geschichte von den Misérables verdanken, für „das Leichte“ steht, wofür steht dann Oliver Schmeer? Ach ja: für den Qualitätsjournalismus.
Für den Fall, dass Schmeer es wagen sollte, noch einmal über Nuhr oder Hugo oder irgendeinen anderen Autor, dem er selbst nicht das Wasser reichen könnte, in dieser Art und Weise herzuziehen, behalte ich mir vor, einmal wöchentlich (das muss reichen) die Elaborate des örtlichen WAZ-Redaktionsleiters einer dezidierten Textanalyse zu unterziehen. So!

Werner Jurga, 7. Juni 2011



P.S.: ach so, das hatte ich ganz vergessen: Schmeers Bericht zur Lage des TaM trägt die Überschrift: „TaM sitzt zwischen allen Stühlen“. Dazu ein Foto von den Stuhlreihen im TaM. Soll komisch sein. Okay, es ist nicht ganz einfach, witzig zu sein.