wenn das bitte unter uns bleiben könnte ...
Ich liebe sie

 

Freitag, 25. November. Mit ihr frühstücke ich häufiger als mit meiner Frau. Mit ihr bin ich länger zusammen als mit meiner Frau. Und selbst wenn man die Jahre meiner ersten Ehe hinzuzählt, alles nichts gegen sie. Mit ihr war ich eigentlich schon immer zusammen. Jedenfalls seit ich mich reif genug für sie fühlte. Ehrlich gesagt könnte ich mir ein Leben ohne sie so richtig gar nicht vorstellen.

 

Ich gebe zu: nicht immer habe ich genug Zeit für sie. Aber wenn ich Zeit für sie habe, also am Samstag, dann geht es so richtig ab: „Samstags in Duisburg“. Werktags dagegen … - ich weiß, ich weiß: es gehört sich nicht – da muss es manchmal ziemlich schnell gehen. Das ist aber, wenn das bitte unter uns bleiben könnte, auch alles andere als freudlos. Das ist wohl der Grund dafür, warum ich schon so lange mit ihr zusammen bin.

 

Sie ist einfach so unbeschreiblich witzig. Ich dagegen schleppe mich nach dem Aufstehen lethargisch bis übelgelaunt Richtung Frühstückstisch … - d.h. als erstes gehe ich zur Haustür und hole sie rein. Eine Berührung, ein kurzer Blick, und ich weiß, warum ich auf sie nie verzichten könnte. Sie ist einfach einmalig, unnachahmlich – meine Zeitung, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, die WAZ.

 

Heute zum Beispiel, ein Freitag, wie gesagt: ich habe viel zu wenig Zeit für sie. Verzeih mir, geliebte WAZ! Aber allein schon Deine Überschriften – die macht Dir keine nach! Erste Seite, über dem Umbruch, zwei so Riesendinger. Jede für sich schon eine wahre Pracht! Aber in der Kombination: einfach köstlich. Also, die linke: „Jeder soll sagen, ob er Organe gibt“. Nicht schlecht, oder?!

 

Jetzt die rechte: „Schlank oder krank?“ Kombiniert man nun diese beiden Riesenschlagzeilen, ließe sich herrlich damit spielen. Wäre aber albern. Links und rechts außen trägt sie heute noch eine Kleinigkeit. Linksaußen, klein: „Tausende Firmen suchen Nachfolger“. Also direkt neben dem Oschie: „Jeder soll sagen, ob er Organe gibt“. Unter diesen Umständen möchte man nicht gern Firma sein. Oder Firmeninhaber.

 

Rechtsaußen, genauso klein wie die Tausenden von Firmen, der Kommentar: „Über Dünne und zu Dünne“. Ich saß noch gar nicht am Frühstückstisch, allein der Blick auf ihr äußeres Antlitz und – wieder einmal - war mir klar: geliebte WAZ, Du bist einfach wunderbar. Also schnell auch noch Durchblättern, auf Seite 2, oben noch ein Kommentar. „Zur Organspende: Unentschieden“. Vermutlich im Spiel Dünne gegen zu Dünne.

 

„Zur Organspende: Unentschieden“ – nicht schlecht. Der Kommentar stammt von Daniel Freudenreich. Allein schon der Name, wie ein programmatisches Bekenntnis: Freudenreich. WAZ pur. Ich muss mich beeilen; wie gesagt: ich habe ja nicht so viel Zeit. Also schnell Durchblättern, wirklich: viele ziemlich amüsante Überschriften heute.

 

„Verhängnisvolles Weihwasser“ auf Seite 3, direkt darunter: „Anzeige gegen Papst: ohne Gurt gefahren“. Klasse! Endlich geht es auch mal gegen die da oben. Und unten: „Notrufsender an Leichnam vergessen“. Verflixt. Kostet doch alles Geld, sowas. Schnell weiter zur Seite 4: „Adolf Sauerland im Abwahlkampf“. Also noch schneller weiter zur Seite 5.

 

„Neonazis werden zur Ersatzfamilie“, steht da. Das finde ich jetzt aber nicht so witzig. Und weitergeblättert auf Seite 6. Siehe da, wieder etwas vom Freudenreich: „Grüne wollen Reichen nicht weh tun“. Jetzt muss ich aber wirklich los. Anderen Leuten wehtun, wer will das schon?! Na, und die Grünen schon gar nicht; die sind doch immer so lieb.

 

Blöd, dass ich nicht dazu gekommen bin, Freudenreichs Artikel dazu zu lesen. Jetzt stehe ich da: grinse mir zwar einen Ast ab, habe aber wieder einmal nichts gelernt. Es bleiben die Fragen. Fragen über Fragen: Wer will denn eigentlich den Reichen wehtun? Kann man denn nichts gegen diese Leute unternehmen? Bin ich auch gefährdet? Also: ab wann bin ich reich? Und, vor allen Dingen: ab wann tut es weh?

 

Mal überlegen. Ich meine ja: reich sind Leute etwa so ab drei Gehaltsgruppen höher als man selbst. Scheint mir logisch. Gegen die Leute in der nächst höheren Gehaltsstufe hat man so per se ja nichts. Da will man doch selbst hin. Zwei höher – diese Leute nennen wir Besserverdienende.

Ab drei Gruppen höher wäre man dann also reich.


Und deshalb ist es auch so wichtig zu wissen, welche Leute genau den Reichen wehtun wollen. Klar, die Grünen schon mal nicht. Aber wahrscheinlich irgendwelche Nicht-Grünen. Und da würde mich jetzt schon interessieren, was diese Typen jeden Monat so nach Hause bringen.  Vielleicht sollte ich demnächst doch wieder mehr als nur die Überschriften lesen.


Zunächst einmal ist das zwar urkomisch. Aber wenn man dann ohne die geliebte WAZ dasteht, kann sich mitunter doch so ein ungutes Gefühl einstellen. Oder man geht einfach hin und sagt sich: „Reich? – Ich doch nicht.“  Dürfte auch bei den meisten WAZ-Lesern irgendwie hinkommen. Ob Grüne eigentlich die WAZ lesen?


Lesen die nicht taz und sowas? Ist die taz nicht sogar deren „Organ“? Was hat die eigentlich heute als Aufmacher, die taz? Die WAZ jedenfalls hat zwei: „Jeder soll sagen, ob er Organe gibt“ und „Schlank oder krank?“

 

Werner Jurga, 25.11.2011

 

 

 

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