Grafik: Bernard Ladenthin (Wikipedia)

Konjunkturalarm?

Samstag, 25. Juni. Heute macht die Financial Times Deutschland (FTD) auf mit der Schlagzeile: „Konjunkturalarm für die Euro-Zone“ – dieser Artikel mit diesem Foto: klick hier. Nun gut, denkt man sich, Euro-Zone … - klar, da stimmt etwas nicht. Euro-Zone – das ist da, wo sie nicht mit Geld umgehen können. Und so heißt es denn auch weiter im Artikel: „Sparprogramme könnten die Konjunktur bremsen“. Logisch.
Die machen Kummer, diese Euro-Länder. Griechenland sowieso, aber auch Irland und Portugal. Vielleicht demnächst auch Spanien, Italien und Belgien. Und so etwas hat natürlich schon Folgen. Irgendwann muss man anfangen zu sparen, dies „könnte die Konjunktur bremsen“, und schon gibt es Konjunkturalarm. In der Euro-Zone. Kein Wunder.

In Deutschland dagegen – gestern noch ging es dick durch alle Medien – geht es ab mit der Konjunktur wie im VW-Käfer. Er läuft und läuft und läuft … Allein schon der Ifo-Geschäftsklimaindex! Im Juni stieg das deutsche Konjunkturbarometer auf 114,5 von 114,2 Punkten im Mai. Das ist der höchste Stand seit der Wiedervereinigung. Da fragt das Münchener Ifo-Institut Monat für Monat ein paar Tausend Manager, wie es denn so läuft.
Und diesmal haben besonders viele von denen geantwortet: „Ja, es läuft.“ Und schon heißt es in der
FTD (und nicht nur dort): „Die deutsche Wirtschaft trotzt der Schuldenkrise und befindet sich in Rekordlaune.“ Also, wir merken uns: Konjunkturalarm in der Euro-Zone, Rekordlaune in Deutschland – so ist die Welt. Was will die liebe deutsche Seele mehr?!

Allerdings“, heißt es im zitierten FTD-Artikel weiter, „blicken die Manager nicht mehr ganz so optimistisch in die Zukunft.“ Und das liegt daran, dass schon seit Wochen „der Aufschwung an Tempo verliert“, wie bereits vor zwei Wochen die Welt schrieb: „Der deutsche Wachstumsmotor scheint ins Stottern zu kommen. Darauf deuten zumindest aktuelle Daten aus der Wirtschaft hin: Die Exporte der deutschen Wirtschaft sind im April um 5,5 Prozent eingebrochen, und die Unternehmen haben weniger produziert als noch im März.“
In der Printausgabe der FTD findet sich heute ein Bericht mit dem Titel „Deutscher Wachstumsmotor kühlt ab“, der aktuellere Daten, nämlich die Juni-Zahlen eines Einkaufsmanager-Indexes präsentiert. Das Marktforschungsinstitut Markit hat für die Industrie einen Teilindex ermittelt, der in Monatsfrist von 57,7 auf 54,9 Punkte gesunken ist. Der Dienstleistungssektor laufe zwar nach wie vor gut, doch die Phase des exportgetriebenen Aufschwungs scheint zu Ende zu gehen.

Deshalb warnt die FTD an anderer Stelle eindringlich vor einer Erhöhung der Leitzinsen, wie sie die Europäische Zentralbank (EZB) für übernächste Woche in Aussicht gestellt hat. Die Zeitung erinnert an die Zinserhöhung der EZB im Sommer 2008, als die EZB – gleichsam am Vorabend – die Konjunktur in die heraufziehende Weltfinanzkrise hineingebremst hatte. Man muss kein Prophet sein, um voraussagen zu können, dass der Frankfurter Monetaristen-Club die Warnung der FTD links liegen lassen wird.
Es ist in der Tat ein aberwitziges Vorhaben, die unter der Schuldenkrise darbenden Euro-Länder nun auch noch mit steigenden Zinsen drangsalieren zu wollen. Für die Konjunkturentwicklung in Deutschland dürfte dieser Irrsinn jedoch von nachrangiger Bedeutung sein. Hierzulande wird es darauf ankommen, ob der private Verbrauch die Rolle des Exports wird ablösen können. Dafür spielt ein Viertel oder ein halbes Prozent mehr oder weniger Zins keine ausschlaggebende Rolle.

Der Höhenflug des deutschen Exports geht jedenfalls definitiv zu Ende. Wer soll die deutschen Maschinen auch kaufen? In (den PIGS-Staaten) der Euro-Zone geht es abwärts, Südosteuropa steht wirtschaftlich am Abgrund, in den USA kommt die Konjunktur einfach nicht auf die Beine, und Japan hat sich „seit“ Fukushima mehr oder weniger abgemeldet.
In Deutschland sind in den letzten Monaten viele neue Stellen entstanden. Werden die Deutschen dieses gewachsene Masseneinkommen zum Einkaufen nutzen oder werden sie, wie sie oft, abermals das meiste Geld auf die hohe Kante legen? In der Industrie ist der Jobaufbau inzwischen zum Erliegen gekommen. Noch geht es im Dienstleistungssektor weiter voran. Wie lange noch?

Dem Konsumverhalten der Bevölkerung kommt eine Schlüsselrolle zu. Wirtschaft, heißt es, sei auch viel Psychologie. Bleibt die Eurokrise noch lange im Fokus der Medien, bleibt die daraus resultierende Verunsicherung nicht ohne Auswirkungen auf die „Konsumneigung“ der Leute. Die Vorzeichen für den weiteren Konjunkturverlauf stehen nicht gut.


Werner Jurga, 25. Juni 2011